„We’re back!“ – oder Diagnose Bullerbü-Syndrom

So, verdammt! Wieso hat das schon wieder so lange gedauert?

Jaaa, wir hätten uns auch schon eher wieder zurückmelden können, aber neben der schlechten Ausrede („so wenig Zeit“) gibt es für den hauptsächlichen Teil der vergangenen Zeit noch eine recht schöne.

Doch erstmal zur jetzigen Situation: wir sind beide wieder im Lande, in der Heimat, in Flensburg, und im alltäglichen Treiben angekommen. Sofern es die Situation zulässt, arbeiten beide wieder, meist im Homeoffice. Viel Kontakt zum Umfeld ist gerade leider nicht drin, aber ihr werdet es sicherlich kennen…

Und MUSHI? Vorab – wir haben sie wieder! Wir haben ja beim letzten Mal schon davon erzählt, dass wir die Abholung in Hamburg vor uns haben und in den Startlöchern für die Reparatur sind. Und: alles ist gut! Doch dazu später mehr.

Zuerst die BIG NEWS!

„Was habt ihr denn nun zwischenzeitlich gemacht?“…“Reise vorbei jetzt, oder?“…“Wann geht’s denn weiter?“…“Ist ja echt traurig, die ganze Sache…!“

Ja, alles andere als optimal gelaufen, denn eigentlich wären wir ja wahrscheinlich bis Oktober auf Achse gewesen. ABER die Sache betrifft primär nun mal nicht uns. Wir hatten kein schönes Ende unserer Reise, das stimmt (siehe hier: https://kommingang.de/2020/04/05/unsere-odyssee-durch-den-ausnahmezustand-es-geht-einfach-nicht-mehr/). Aber viel schlimmer war eigentlich die Sorge und Ungewissheit bzgl. der vielen Menschen und deren Familien, die wir unterwegs gesehen und erlebt haben und die auch bis heute unter ganz anderen Umständen mit der Pandemie konfrontiert sind. Für uns war damals klar, dass die Reise zu diesem Zeitpunkt ein Ende gefunden hat.

Trotzdem und natürlich ist die Frage „wann es denn weitergeht?“ nicht mit „nie wieder…“ zu beantworten. Wir werden wieder reisen, auch mit Mushi. Nur nicht in absehbarer Zeit. Das Reisen, wie wir es kennengelernt haben, wird mittel- bis längerfristig nicht möglich sein. Auch der Kontakt mit vielen weiteren Reisenden, die in ähnlicher Situation waren, bestätigt uns in der Annahme. Fast alle sind zurückgekehrt, die meisten haben auch ihr Fahrzeug wiedergeholt. Es gibt wenige, die ihr Fahrzeug zurückgelassen haben, in der Hoffnung, es könne bald weitergehen. Doch die Hoffnung hat sich nicht bestätigt. Viele kämpfen derzeit aus der Ferne um die Sicherstellung des weiteren Verbleibs im jeweiligen Land (bzgl. Lagerung, aber auch Zollbestimmungen). Manche von Ihnen langen gerade tief in die Tasche, um die Verschiffung jetzt noch hinzubekommen. Wir wünschen Ihnen viel Glück, denn ungewiss in der Heimat zu sitzen, zu warten und evtl. bereit einen Schlussstrich zu ziehen. Nach solch einer Reise fühlt man sich ohne das Fahrzeug einfach nicht komplett. Also: Toi, toi, toi!

Was tun, wenn noch so viel Zeit, Unternehmungslust und vielleicht auch Budget übrig ist? Einfach da weitermachen, wo man vor der Reise aufgehört hat? Hätten wir beide machen können und es wäre sicher auch alles andere als eine schlechte Entscheidung. Doch dafür haben wir uns Zeit und den Mut zum Entschluss nicht genommen.

15. April 2020. Wir haben bereits über zwei Wochen in der Wohnung von Maltes Schwester Anna verbracht. Anna, wir sind dir wirklich unfassbar dankbar, dass du uns deine Wohnung überlassen hast, als wir zurückkamen. Anna hat selbstlos ihre Koffer gepackt und ist zu den Eltern, sodass wir eine tolle Wohnung für uns und vor allem eine zweiwöchige Quarantäne hatten.

Frühlingssonne aufsaugen.

2 Wochen. Keine Fortbewegung. 50 qm Habitat. Die Schränke voll Essen (1000 Dank an unsere Mütter!!!). Vollausgestattete Küche, Dusche, Doppelbett, Heizung, Sofa, Arbeitsplatz… auch ein Balkon, der vorerst unser Tor nach draußen sein sollte. Mit Yoga, Puzzle, Skype, eigener Salatzucht und Fernsehen die Zeit totkriegen. Puh. Absolutes Kontrastprogramm. Die große Frage: was tun? Monate voller Unplanbarkeit voraus. Doch plötzlich ein Lichtblick.

Seit sehr langer Zeit (2-3 Jahren?) läuft bei mir (Malte) ein Suchauftrag nach Häusern in Schweden. Die vielen Reisen nach Schweden haben die Spinnereien sich bei uns bereits festsetzen lassen. Vor ein paar Jahren standen wir schonmal vor einem tollen lappländischen Bahnhof (Nähe Sorsele), in den wir uns schwer verliebt hatten und mit dessen Besitzerin wir bereits im engen Kontakt standen. Doch 1.600 km und Unklarheit darüber, was das werden sollte… Zum einen fast schade, zum anderen hätte uns das die Reise gekostet, die zu dem Zeitpunkt jedoch noch ganz weit in den Sternen stand. Und heute… PLOPP! Eine Anzeige. Eine, wie die vielen, die mich auch vorher schon begeisterten, bei welchen allerdings der Realismus uns davon abhielt uns zu melden? Ne, diesmal ist’s anders. Ich zeige sie Johanna, wir gucken bei den Fotos ganz genau hin, lesen jedes Zeichen des sympathischen Texts und wir sind uns schlagartig einig -wir schreiben Marc S.. Er antwortet tatsächlich und wir einigen uns darauf, am kommenden Tag abends zu telefonieren.

Nach einem Distanz-Besuch bei meinen Omas fahren wir wieder gen Flensburg. Wir sind zur verabredeten Uhrzeit noch auf der Autobahn unterwegs, und nach Norddeutscher Sitte ist mit Empfang nicht zu rechnen. Nach einem abgehackten Anruf von unterwegs bricht der Empfang ab und wir drücken aufs Gas. Erster Halt in Flensburg, Parkplatz vom Wertstoffhof, Griff zum Telefon. Wir telefonieren eine halbe Stunde. Marc ist unglaublich freundlich und witzig, doch muss uns um Geduld bitten. Natürlich sind wir nicht die Einzigen Interessenten. Wir verabreden, dass er und seine Frau sich bis zu zwei Wochen Zeit zur näheren Auswahl und Rückmeldung geben. Und so stehen uns schließlich 10 Tage Ungewissheit bevor. Wir träumen, schwärmen, fangen vorsichtig an zu planen und zeichnen bereits Grundrisse gemäß der wenigen Anzeigenbilder.

Endlich fragt Marc nach einem weiteren Telefonat. Wir sind aufgeregt, wir geraten ins Schwitzen, uns schlägt das Herz bis zum Hals. Uns wird bewusst, dass wir längst noch nicht am Ziel sind und ggf. all die Fantasien und Vorstellungen für die Katz gewesen sein könnten. Doch das Gespräch entkrampft sich und wir spielen alle mit offenen Karten. Nach einer Stunde weiß Marc über uns, was er wissen wollte und unser Bild von ihm und seiner Familie, die dort die vergangenen 10 Jahre ihre Sommer verbracht haben, formt sich. Marc versichert uns, dass wir bereits in einer engeren Auswahl sind, doch er braucht dieses Gespräch, um anschließend mit seiner Frau die Entscheidung zu treffen, wem sie ihr geliebtes Haus am ehesten weitergeben möchten.

Ein paar Tage später verabreden wir uns zum Skypen. Zum ersten Mal sehen wir Marc und lernen auch Michaela kennen. Wir verstehen gleich, dass wir uns nochmal richtig zusammennehmen müssen, denn Michaela weiß was sie will. Und heute Abend ist das vor Allem „uns nochmal auf den Zahn fühlen“. Johanna und ich sind uns heute aber sicher: alles oder nichts! Wir knien uns voll rein, lassen unseren Charme spielen und schon wird die ganze Nummer ausgelassen. Und nach ein paar Bierchen vorm Rechner sagt sie die entscheidenden Worte. „Wir haben uns für euch entschieden!“. BAMM!

Was tun wir hier gerade? „Eben“ waren wir doch noch auf Reisen. Entscheiden wir uns jetzt für ein Haus? Eine Heim ohne Räder? Ja, denn es ist ein Traum, der gleichzusetzen ist mit unserem Reisewunsch. Zwar war das noch nicht für jetzt vorgesehen, doch es passt einfach alles. Der Preis ist super, die Arbeiten scheinen machbar und wir haben Zeit, die mit Sinn zu füllen ist.

Doch wann soll es losgehen? Aufgrund der Pandemie-Situation müssen wir die Grenzsituation Deutschland/Dänemark und Dänemark/Schweden abwarten. Dementsprechend müssen Michaela und Marc auch Urlaub planen. Wir vereinbaren das Treffen am Haus für den Ende Juni. Damit wir bis dahin nicht völlig durchdrehen, suchen wir uns Beschäftigung. Ich kann sogar für 5 Wochen wieder beim alten Büro mit einspringen. Die Wochen bieten sich an, um mal wieder etwas mit den Liebsten zu unternehmen. Zusammen bauen wir Terrassen, essen Oma Annis Kiwi-Torte, sitzen beisammen an der Feuerschale und gehen spazieren. Wir nutzen die Zeit auch für Besorgungen und kaufen wie blöde Werkzeug. Alles in der Erwartung, dass alles schon so gut sein wird, wie wir es uns vorstellen. Wenn Zweifel aufkommen, gibt’s einen Gin Tonic.

Mai 2020: Kein Durchkommen im 100. Jubiläumsjahr der Volksabstimmung über die deutschdänische Grenze.
Ausflug an den Deich und Lämmer gucken.
Terrassenbau, die Erste.
Zwischendurch gibt’s Johannas Lieblingstorte.
Terrassenbau, die Zweite.

Ende Juni. Früh morgens geht es nordwärts, auf nach Schweden! Unseren Volvo haben wir zwischenzeitlich aus seinem Winterschlaf geweckt und nun rollt er mit uns dahin, mit Gepäck für einige Wochen, viel Werkzeug und vollgestopftem Jetbag auf dem Dach. Für den unerwünschten Fall, dass es mit dem Hauskauf aus irgendeinem Grund doch nicht klappen sollte, stopfen wir noch ein Zelt und eine Klopapierrolle zwischen die Werkzeugkoffer.

Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn man sich zum ersten Mal auf dem Weg zu dem Haus befindet, das voraussichtlich das erste Immobilieneigentum sein wird? In einem anderen Land? Ohne zu wissen, wie die Umgebung aussieht, wie die Nachbarschaft und vor allem wie das Haus mit Grundstück und Nebengebäuden sein wird? Wir kriechen emotional auf dem Zahnfleisch. Erst kommt das Ziel überraschend schnell nahe, sodass wir uns im Begriff fühlen uns selbst zu überrumpeln, dann wird die letzte Fahrtstunde zur gefühlten Unendlichkeit. Eine wunderschöne Unendlichkeit. Wir rauschen einsam durch wundervolle, nicht enden wollende Wälder, um dann in ein fantastisches Hügelland voller Steine und uralter Laubbäume zu gleiten. Das Wetter ist herrlich und so fühlen wir uns schon vor Ankunft sehr willkommen.

Wir biegen in „unsere“ Straße, überqueren eine Schleuse des Emån, schlängeln dahin und schließlich liegt die kleine Waldsiedlung vor uns, die zu unserem zweiten Zuhause werden soll. Und dann kommt das Haus.

Was soll man sagen? Liebe auf den ersten Blick!

Klingt kitschig, ist es irgendwie auch. Uns strahlend drei Gesichter entgegen, die wir nur von Fotos kennen. Lili, die jüngste Tochter, ist mit dabei. Außerdem freut sich auch Budschni, der große, weiße Goldie, über die neue Bekanntschaft. Etwas kaputt von den sieben Stunden Fahrt baut sich zuerst eine riesige Aufgeregtheit auf, um gleich darauf wieder abzufallen, denn alle vier sind einfach großartig. Wir betreten das Haus und fühlen uns direkt sauwohl. Es hat so viel Charme, die Raumaufteilung ist großartig und der Geruch ist einmalig gut. Und: es ist groß. Wirklich groß! Hinter jeder Ecke erwartet einen ein neuer Knaller: Kachelöfen, Küchenhexe, tolle Möbel, gemütliche Betten, wunderbare alte Fenster mit Inneneinstellfenstern… Und dann der Grund, der dieses Haus zur alten Bäckerei der Umgebung macht: Der Keller mit dem alten, riesigen Gewölbebackofen. Hammer! Der Schuppen ist riesig, die Scheune sogar noch größer. Hier haben Marc und Michaela einen wunderbar gemütlichen Gästebereich eingebaut. Dazu ist auch das Gebäude vollunterkellert. Das Grundstück ist komplett umgeben von einer urzeitalten Steinmauer. Doch das Bemerkenswerte ist der Zustand des Hauses, das die vergangene 150 Jahre verhältnismäßig kaum gealtert ist.

Ankommen im schwedischen neuen Heim.
Blick auf die Gästescheune, die Werkstatt und das Plumsklo.
Willkommenstorte. Der Start für eine neue Freundschaft.

Allein die Tatsache, dass das Haus seit etlichen Jahren keine Dachrinnen hatte und die Farbarbeiten an den Fassaden noch nicht abgeschlossen sind, stellen einige Renovierungen in Aussicht. Dass natürlich noch weitere Aufgaben auf uns zukommen würden, war uns grundsätzlich klar, doch welche genau? Kein Plan! Das Wichtigste zuerst: wir haben uns so übel in das kleine Anwesen schockverliebt, dass wir nochmal bekräftigen: Ja, wir wollen!

2 Tage später geht’s dann Schlag auf Schlag: Notarielle Beglaubigung und zack! Klingt nüchtern, war aber viel netter, als man sich das so vorstellen mag – halt schwedisch, sympathisch.

Was uns aber mindestens genauso wichtig ist, wie dieser große Schritt, ist, dass wir neue Freunde gefunden haben. Eigentlich wollten Michaela, Lili, Marc und Budschni nach dem vertraglichen Tingeltangel weiter, um mit ihrem Bus und dem neuen Dachzelt zu touren und tatsächlich nach einem neuen, kleineren Häuschen zu suchen. Doch durch einen glücklichen, unglücklichen Zufall (der Kühlerschlauch des T3-Boxer hatte keine Lust mehr) waren die vier dazu angehalten, doch noch weitere 5 Tage bei uns zu bleiben. Und es werden einfach wunderschöne Tage. Neben Gartenarbeiten bei bestem Wetter gibt es Badeausflüge und bestes Essen.

Zum Aufwärmen gibt’s Dumle-Lollis & Schädelbier.

Wir haben einen tollen Start in ein neues Projekt und fühlen uns langsam wieder etwas komplettierter. Allerdings fehlt zu diesem Zeitpunkt noch eine alte Weggfährtin. Wir vermissen noch immer Mushi.

3 Kommentare bei „„We’re back!“ – oder Diagnose Bullerbü-Syndrom“

  1. Herrlich, Ihr Lieben.
    Es schwappt so ein freies, schönes Lebensgefühl über .
    Wir werden auch wieder reisen- bis nach Schweden – ihr werdet sehen. Die Vorfreude nimmt beim Lesen Formen an.
    Drücker von den Wuppis

  2. Wie cool seid ihr denn??!! Mega! Toll geschriebener Blogeintrag und dann auch noch solche Neuigkeiten. Herzlichen Glückwunsch und alles erdenklich Gute für dieses neue Abenteuer! Und wir wollen euch dann bitte besuchen kommen, wenn es wieder geht 😉 Liebe Grüße, Dirk (& Tina)

  3. Alter Schwede! Da müssen wir ja mal vorbeikommen. Aber vermutlich muss man sich beeilen, bei eurem Tatendrang, seid Ihr in ein paar Monaten schon wieder woanders! Aber wo ist das Schwedenglück denn genau?
    Viele Grüße
    Thomas Baltuttis

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