Mongolei – Teil 3: Die Gobi

Es ist noch früh am Tag, doch wir wissen was für ein Stück Wegstrecke uns bevorsteht. Wir machen uns also auf nach Ulaanbaatar und schlagen den Weg nach Darkhan und planen einen Abstecher zum „Mothertree“, einem schamanischen Wallfahrtsort, ein. Unterwegs treffen wir auf Patrick, Rebecka und Sonya aus der Schweiz, die wir zuvor schon am Baikalsee an uns vorbeibrausen gesehen haben. Wir halten auf ein kurzes Kennenlernen und sind uns danach schon ziemlich sicher, dass wir uns nicht das letzte Mal sehen würden. Sie reisen auch gerade gen Süden.

Nachdem wir das schamanische Heiligtum bestaunt haben – und es ist wirklich nicht viel mehr als ein umgestürzter, alter Baum, der mittlerweile in Zement eingefasst worden ist – düsen wir weiter und treffen nachmittags auf die uns bekannte und verhasste Piste hinter Darkhan. Wir rütteln uns weiter und haben später am Nachmittag dermaßen die Schnauze voll, dass wir rechts abbiegen und einen fast 30° steilen Hang mit Mushi hochkraxeln, um auf der anderen Bergseite noch den Sonnenuntergang genießen zu können. Der Abend ist herrlich und wir nutzen die Gelegenheit und den vorhandenen Mobilfunkempfang, um bei einem Bierchen nochmal in die Heimat zu telefonieren.

Am kommenden Morgen will Johanna die wunderschöne Kulisse und Mushis Fahrt auf dem Bergkamm mit der Drohne festhalten, doch nachdem wir respektvoll einige Zeit zwei über uns kreisende, riesige Geier betrachten, entschließen wir uns dies lieber zu lassen. Wir wissen zwar nicht, wie angriffslustig diese sonst etwas plump anmutenden Tiere sein können, doch wir wollen es nicht darauf ankommen lassen. Von unseren künftigen China-Compagnons Rafael, Maximilien und Clement wissen wir, dass sie heute allesamt in Ulaanbaatar sein werden. Wir versuchen uns also auf ein Treffen zu verabreden, doch merken schnell, dass alle noch gewissen Interessen nachgehen: Max und Clement sollen für einen Mongolischen Fernsehsender zu einem Interview zur Verfügung stehen und Rafael muss seinem Motorrad Händchen halten, während es erst in der Werkstatt verarztet wird und darauf dem Blick des mongolischen TÜVs standhalten soll (was unaufwändig klingt, sich aber zeitlich noch als echte Herausforderung herausstellen wird). Wir selbst haben keinerlei Interesse ein weiteres Mal nach Ulaanbaatar hineinzufahren, daher suchen wir einen Schlafplatz südlich der Stadt heraus und schlagen der Runde vor, sich bei Gelegenheit ebenfalls dorthin zu begeben.

Die anfangs weiterhin katastrophale Straße und der folgende wuselige Vorstadtbereich kosten uns trotz weniger Kilometer Wegstrecke den ganzen Tag. Als die Dunkelheit einbricht lassen wir Ulaanbaatar hinter uns und wundern uns auf einmal, dass schlicht gar kein Verkehr mehr um uns herum ist. Die Straße ist auf einmal auch ganz bequem befahrbar, da sie plötzlich 6-spurig ausgebaut ist und hey – da ist doch einiges los auf der parallel verlaufenden Buckelpiste! Tja, die wieder mal beschissene Beschilderung hat uns nicht dazu gebracht, dem eigentlichen Straßenverlauf zu folgen und so sind wir stracks auf dem neuen und ersten Superhighway der Mongolei gelandet. Die Chinesen haben hier einmal mehr bewiesen, dass sie in puncto Straßenbau einiges leisten können. Der Blick auf die Karte verrät uns, dass wir noch gut 30 km auf dieser Rennbahn vor uns haben und dass am Ende eine Mautstation auf uns warten wird. Aha, daher weht also der Wind. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns sicher auch für die (für uns sogar etwas zielführendere) Landstraße nebenher entschieden, denn schnell fahren wir eh nicht – die Autobahn schießt erstmal fröhlich an unserem Ziel vorbei und Ausfahrten gibt es überhaupt keine. Auf dem Weg überholen uns vielleicht eine Handvoll Autos und den im Bau befindlichen neuen „Dschighis Khan“-Flughafen dürfen wir auch noch erblicken. Als die Mautstation in Sichtweite kommt, machen wir uns schon für eine saftige Geldforderung bereit. Doch die Schicht hat scheinbar eine Pinkel- und Raucherpause eingelegt und schlichtweg einfach die Schranken geöffnet. Bei so wenigen Autos lohnt sich das Arbeiten wohl nicht.

Als wir im Bogd Khan Uul Reservat ankommen, ist es bereits dunkel und wir suchen uns einen Weg abseits der Piste zu einem Waldrand, um unser Lager aufzuschlagen. Die Jungs werden heute nicht mehr kommen, aber damit haben wir gerechnet. Wir werden uns ohnehin in spätestens 3 Wochen zusammenfinden. Wir merken, dass diese Nacht kalt werden wird und muggeln uns nach allen Regeln der Kunst in unser Dachzelt.

Es ist früh am Morgen und in Unterhose bekleidet koche ich uns gerade in den ersten Sonnenstrahlen ein kräftiges Koffeinsüppchen. Nun fällt uns auf, dass wir es nicht allzu weit von dem Weg, der ins Reservat führt, weggeschafft haben. Was soll’s – hier werden uns wohl nicht viele Menschen stören und ganz so leicht einsehbar ist unser Platz tatsächlich nicht. Als ich gerade einen Strahl hinter einen Baum stelle, höre ich das jähe Aufheulen eines großen Motors. Ich drehe mich und betrachte in einigen hundert Metern Entfernung einen Touri-Bus, der den für ihn völlig ungeeigneten Weg hochgebuckelt kommt. Na, ob der sich da nicht zu viel vorgenommen hat?! Es werden noch zahlreiche Steigungen, Seitenneigungen, Felsbrocken und eine gammelige, alte Holzbrücke auf ihn warten. Johanna ist mittlerweile aufgefallen, dass dieser Bus nicht alleine ist. Da kommen scheinbar noch zwei weitere. Nach gut einer Stunde und nachdem wir unser Lager wieder abgebaut haben, haben sich gut 50 – und ich übertreibe nicht! – große Touristenbusse, die alle voll besetzt sind, die Steigung hochgequält und alle Herausforderungen bewältigt. Stilles, abgelegenes Plätzchen – Pustekuchen. Ich zieh mir endlich ne Hose an und wir fahren den Bussen hinterher – nur um zu sehen, was da hinten abgeht. Denn egal was da ist – auf so viele Menschen haben wir keinen Bock und ein längerer Aufenthalt kommt nicht in Frage. Das Rätsel löst sich am gnadenlos überfüllten Parkplatz weiter oben im Gelände: es sieht so aus, als wären heute alle Schulen der Mongolei hierher zum gemeinsamen Schulausflug aufgebrochen. Das finden wir besser als eine Touristenflut, doch wir fliehen trotzdem – weiter gen Süden.

Wir stoppen noch im nächsten Ort, da wir Briefmarken für einen neuen Schwung fertiger Postkarten brauchen. Doch die Postbeamtin hat wohl keine internationalen Briefmarken mehr, jedoch die tolle Idee das Entgelt aus verschiedenen Marken zusammenzupuzzlen. Besten Dank dafür, allerdings reicht die Größe einer Postkarte kaum für die entsprechende Frankierung. Also weiter und woanders versuchen.

Wir begeben uns auf die Südroute in Richtung Dalandsadgad und nehmen für heute Abend die Felsformation Bagdarin Chulu östlich von Delgertsogt ins Visier. Wir kommen recht gut voran, schaffen es jedoch nicht ganz bis zum geplanten Ort, denn wir wollen noch im Hellen zum Stehen kommen und nehmen uns Bagdarin Chulu für den kommenden Morgen vor. So verlassen wir die winzige Piste und verstecken uns hinter einer kleinen Kuppe – vor wem wissen wir nicht, denn hierhin scheint es kaum jemanden zu verschlagen. Während wir im Dunkel unser Essen kochen, erscheint in einiger Entfernung der Lichtkegel eines Motorrads. Wir wissen schon, was das zu bedeuten hat, denn so weit draußen im Nirgendwo kann es nur ein Hirte sein, der sich fragt, was da hinten im von ihm aus betrachtetem Nirgendwo leuchtet. 5 Minuten später steht das Vorderrad des chinesischen Motorradfabrikats quasi in unserem Kocher und zwei blutjunge Hirten gucken uns erstaunt an und erschrecken regelrecht, als sie sehen, dass wir weltfremd aussehen. Verlegen grinsen sie, wir versuchen ein paar Worte zu wechseln, doch ihnen ist das Ganze auf einmal ein wenig unangenehm und sie verabschieden sich sogleich wieder freundlich und düsen lachend davon.

Als wir im morgendlichen Sonnenschein das erste Mal Bagdarin Chulu erblicken, haben wir sofort das Gefühl eine echte Perle der Mongolei gefunden zu haben. In der weiten hügeligen Landschaft erheben sich die Felsen wie ein steinernes, rotes Korallenriff vom Meeresgrund. Es führen einige kleine Spuren in das Gewirr aus Felsformationen und hinter jedem Felsen, den wir umfahren, erwarten uns einzigartige Perspektiven. So kriechen wir langsam hinein und überfahren einen abenteuerlichen, kleinen Pass, nach welchem wir in einen Kessel hineinfallen. Auf einer unserer Karten ist eine Wasserquelle eingezeichnet, die wir aufsuchen wollen, um uns (endlich mal wieder) zu waschen. Ein staubiges Peeling bekommen wir hier wohl hin – ansonsten ist die Quelle furztrocken. Was soll’s, damit müssen wir in der Wüste Gobi wohl rechnen…

Neben der Quelle ist in unserer Karte noch von einer Höhle zu lesen. Wir durchqueren die Senke, stellen Mushi ab und lassen sie mutterseelenallein zurück, um die Höhle zu Fuß zu erreichen. Als wir in ein tiefschwarzes Loch blicken, überlegen wir uns, dass für eine Höhlenbegehung Birkenstocks vielleicht eine beschissene Idee sind. Wir gehen zurück zum Wagen, um uns Fußfestes anzuziehen und sehen nur, wie aus dem Nichts ein weiterer Bus neben Mushi erschienen ist. Der ist in etwa genauso groß wie unser treuer Gefährte, doch als die Türen aufgehen, kommt eine 10-köpfige Familie herausgequollen und lässt sich in ihrem Schwung nicht zur Ruhe kommen, sondern umströmen uns sofort. Mit einem Mal hat Johanna eine Schale gegorener Stutenmilch in den Händen und ich einen mongolischen Vodka an der Lippe. Zudem steht eine ältere Frau vor uns und bietet uns aus einer Plastikwanne sonnengetrocknetes Fleisch an, das sich vor Fliegen fast schon bewegt. Um zu zeigen, dass sie im Begriff sind, uns mit all diesen Köstlichkeiten vollzustopfen, stellt die Matrone von Mutter eine 10 Liter Flasche mit der guten Stutenmilch bei uns im Kofferraum ab und verschüttet einen großzügigen Schluck. Johanna erkennt, dass mich das Ganze wieder latent überfordert und gemeinsam bewegen wir die Gruppe dazu, doch schonmal zur Höhle vorzugehen und uns in Ruhe umziehen zu lassen. Später klettere ich dann noch gemeinsam mit den angesoffenen Herren der Familie in die Höhle, während Johanna draußen mit der Tante schnackt, die aus Ulaanbaatar kommt und tatsächlich einige Worte Englisch sprechen kann. Letztendlich müssen wir dann tatsächlich doch noch die Stutenmilch kosten, die wir bisher mit einem Fingerzeig auf unsere Mägen verweigert haben und müssen wirklich sagen: das Zeug schmeckt gar nicht mal so gut! Als die Familie wieder weitergedüst ist (mit Sprit im Bauch fährt es sich scheinbar am besten…), spülen wir uns die Münder gründlich mit Wasser aus. Ja, es war herzlich, aber vielleicht eine Spur zu intensiv.

Später kraxeln wir auf einen der höheren Felsen, um umherkreisende Geier aus nächster Nähe anzuschauen und daraufhin die Kontaktaufnahme zu Rafael zu versuchen. Rafael hat sich ebenfalls die Durchquerung des Südens vorgenommen, während die französischen Brüder den mongolischen Norden auf dem Zettel haben. Wir haben in der Tat ein wenig Empfang und es reicht, um zu erfahren, dass Rafael weiterhin in Ulaanbaatar feststecken wird. Wir entschließen uns in diesem herrlichen Gebiet zu bleiben und im Westen in eine der zahlreichen Felsschluchten zu fahren. Wir finden einen zauberhaften Platz und finden, dass wir auch den kommenden Tag hierbleiben wollen. Einfach mal nicht fahren.

So verbringen wir also einen tollen Tag, an dem wir die Wäsche, die nun schon einige Zeit in unserer Wäschetonne eingeweicht worden ist, trocknen, uns selbst mit unseren spärlichen Wasservorräten putzen, Mußearbeiten verrichten und ich die Gelegenheit nutze, um ein wenig umherzuwandern und die Felsen zu beklettern. Unfassbar schön!

Nächstes Ziel sind die die Flaming Cliffs von Bayanzag. Wir machen uns wieder auf den Weg und durchqueren das unerschlossene Landesinnere. Durch die unsäglich staubige Wüste fahren wir nach dem verlorenen Ort Erdenedalai an einer großen Müllkippe vorbei hinein ins Nichts. Ein zunächst von verwehten Müllresten beschmutztes Nichts. Wir treffen auf ein Hirtenehepaar, das gerade ihre Ziegen an einem Brunnen wässert. Diese Orte, an denen man das seltene Nass erreicht, sind wirklich spannend. Mensch und Tier kommen hier zusammen und so trifft man hier unerwartet auf reges Leben. Johanna fasst sich ihr Herz und spricht die Hirtin an, ob sie ein paar Fotos von ihr machen darf, und so kriegt sie kurz darauf auch den auf dem Motorrad umherdüsenden Ehemann vor die Linse. Auf dem weiteren Weg sehen wir einen Tagebau, der wie eine offen klaffende Wunde in der sonst unberührten Landschaft liegt. Auch in diesem Gebiet, tief im Nirgendwo, scheint der Abbau der Steinkohle lukrativ zu sein. Es gibt definitiv mehr Gründe als den Klimaschutz, um den Abbau dieses Rohstoffs zu unterbinden, denn vor uns liegt eine schiere Naturkatastrophe. Die offenen Risse im Erdboden werden genutzt, um Müll und Unrat hineinzukippen und es ist klar, dass man die menschlich angerichteten Schäden noch in Jahrhunderten sehen wird. Wir haben heute wieder einen stillen Abend an einem unendlich stillen Ort, jedoch wieder in Sichtweite zu einer Jurte, und braten uns unsere heiß geliebte Pytt i Panna (vegetarisch).

Den nächsten Ort Delgerkhan nutzen wir, um unser mobiles Internet aufzustocken. Die Damen am Tresen des Tante-Emma-Ladens halten uns quasi für verrückt erklärt, dass wir mit dem Anbieter Unitel unterwegs sind und sind überzeugt, dass Mobicom der einzig wahre Anbieter sei. Die Registrierung der SIM-Karte dauert eine halbe Ewigkeit, denn der Handyempfang der mit der Gesellschaft telefonierenden Verkäuferin bricht ständig ab. Tolles Omen. Kurze Zeit darauf sitzen wir im Auto auf dem Dorfplatz und genießen ganze 200 MB Daten. Danach ist die Verbindung tot. Naja, erstmal nichts dabei gedacht, dafür ist es billig gewesen. Heute fahren wir noch weiter gen Südwesten und verbringen einen sonnigen Abend mit warmen Temperaturen im ausgetrockneten Flussbett eines sonst offenbar viel Wasser führenden, großen Flusses. Wir trinken ein Bierchen aus der Kühlung und liegen ein wenig in unseren Zwergenstühlen. Um uns herum grast viel Vieh und wir genießen einmal mehr die schier unfassbare Stille der Wüste Gobi.

Nach diesem sommerlichen Abend ist der kommende Tag schon merklich kühler. Wir machen uns auf Richtung Bayanzag und zu den Flaming Cliffs. Dafür fahren wir querfeldein und nähern uns dem Gebiet vom Norden her. Hin und wieder finden wir den Weg vor uns aufgerissen und den Betrieb von Tagebau zur Kiesgewinnung, sodass wir offroad umständliche Umwege in Kauf nehmen müssen. Wir nutzen schon seit einigen Tagen nicht mehr die Navigationsfunktion unseres GPS, sondern lediglich die Richtungsanzeige. Auf diese Art und Weise finden wir deutlich schneller den richtigen Weg, welcher zur Not auch mal gar kein wirklicher Weg ist. Gut 1,5 Stunden vor der Dämmerung nähern wir uns den Flaming Cliffs und könne ihre Schönheit schon von Weitem erahnen. Jedoch werden wir jäh gebremst, als vor uns unerwartet eine Reihe Betonpfähle in gut 1 m Abstand zueinander und etwa 1 m hoch aus dem Boden ragen. Sie verlaufen quer zur Fahrtrichtung. Nach links und nach rechts ist kein Ende in Sicht. Das Gebiet scheint damit eingezäunt zu sein und dem Zustand der Pfeiler zufolge seit noch nicht sehr langer Zeit. Dem Pfeiler direkt vor unserer Stoßstange nach zu urteilen, hat es hier schon einigen Widerstand gegen die neue Barriere gegeben. Wir entscheiden uns allerdings, die Kraft unseres Bullenfängers diesmal nicht auf die Probe zu stellen, und fahren entlang der Pfeiler in Richtung Westen. Die Landschaft verändert sich mit einem Mal von trockener Wüste zu einem niedrigen Wald, der eine hügelige Dünenlandschaft eingenommen hat. In dem sogenannten Saksaul-Wald finden wir nach einer geschlängelten Fahrt über einige Dünen unseren Schlafplatz für die Nacht. Nachdem wir einige Zeit abgewartet haben, ob es weiterhin so windstill bleiben würde, bauen wir das Dachzelt zuerst auf und dann wieder ab, als es bei Fertigstellung schlagartig anfängt zu stürmen. Gute Übung. Als ob wir die nötig hätten… Egal, Wagen umbauen, einmuggeln, tief und fest ratzen.

Und vom nächsten Morgen überraschen lassen! Denn, als wir aufstehen, schneit es tatsächlich und es ist einfach verdammt kalt. Als Charmeoffensive gegen frühzeitige Winterdepressionen tanzen wir uns warm zu ein bisschen Kasatschok-Musik. Nach einem Tee und den restlichen russischen Pfannkuchen vom Vorabend fahren wir weiter und erreichen die einzige Durchfahrt zu den Flaming Cliffs. Hier befindet sich gerade ein Touristenzentrum im Auf- oder Umbau. Der Tatsache geschuldet, dass wir spät im Jahr sind und kaum noch Touristen unterwegs sind, ist das Büro nicht besetzt und wir können entgeltfrei passieren. Auch gut! Wir halten oberhalb der Cliffs und wandern im Schneetreiben durch die flammenden Klippen. Man kann gut sehen, welche Auswirkung der in der Hauptsaison offensichtlich starke Tourismus auf die Felsformationen hat. Millionen von Füßen haben die Oberseite schier plattgetrampelt, dennoch ist die Kulisse wirklich ein schöner Anblick und die Tatsache, dass kaum andere neben uns hier sind, lässt das absurde Wetter ganz angenehm werden.

Wir treffen einen super netten Niederländer auf Reisen und kurze Zeit später das Deutsche Paar, das mit ihm zusammen in einem organisierten Offroadbus reist. Es tut wirklich gut, hin und wieder mal mit anderen Menschen in der eigenen Sprache zu sprechen, besonders wenn sie, wie alle drei von diesen, ebenfalls auf längeren Reisen durch die Weltgeschichte sind. Wir entschließen, heute wieder etwas zu entschleunigen und unterhalb der Klippen wieder in Richtung Saksaul-Wald zu fahren, um dort zu bleiben. Das kleinste bisschen grün in dieser endlosen Wüste zieht uns jedes Mal wie ein Magnet zu sich. Wir haben das schon viele Male bezüglich Wasser für uns festgestellt, denn auch zuhause bedeutet es uns viel jederzeit ans Wasser gehen zu können. Doch die gleiche Erfahrung auch mit Bäumen zu machen (auch wenn es diesem Fall wirklich niedrig Exemplare sind), ist für uns neu und eine ehrliche Erkenntnis über uns selbst. Die verbleibenden Stunden des Tages wollen wir dafür nutzen, noch ein wenig umherzustreifen und zu Fuß die Gegend zu erkunden. Wie immer stößt uns der viele umherfliegende Müll böse auf, doch heute entschließen wir uns, unsere Zeit dafür zu nutzen, um ein wenig dagegen zu tun. Also laufen wir los und sammeln. Bierdosen, Plastiktüten, Plastikflaschen und weiterer Müll hat sich hier in den verholzten Gewächsen verfangen – zum Teil ganz frisch, zum Teil schon von UV-Strahlung zersetzt. Es ist komisch, hier in der mongolischen Wüste Trolli’s „Saure Würmer“-Tüten aufzusammeln. Plötzlich hebt Johanna die Hand und zeigt in die Ferne: „Sieh mal, die Höcker!“. Tatsächlich wanken unzählige Höckerpaare durch den kleinen Wald und man hört vereinzelt das Brummen, Knurren und Schnaufen von Kamelen. Wir schleichen uns heran und verstecken uns hinter Büschen, die direkt auf deren Route liegen. Nach wenigen Minuten zieht um uns herum eine Herde von gut 50 Kamelen vorüber. Wahnsinnig beeindruckende Tiere – so stolz und so ruhig.

Am kommenden Tag erreichen wir Dalandsadgad, füllen unsere Wassertanks auf, ebenso unsere Dieseltanks und spielen neues Guthaben auf die Handykarten auf. Doch, um es an dieser Stelle schonmal vorwegzunehmen: bei der Mobicom-Karte ist das reine Geldverschwendung. Diese Karte hätten wir uns einfach nicht andrehen lassen sollen! Die Unitel-Karte hingegen leistet fortan wieder gute Dienste und die Lieben zuhause erhalten wieder Meldung. Nach dem ganzen Auffüllen wollen wir uns zunächst um unsere Körperhygiene kümmern und stoppen an einem der mongolischen Badehäuser, die in größeren Ortschaften immer wieder zu finden sind. Für gut 2.000 Tugrik pro Person können wir ausgiebig warm duschen. Welch eine Wohltat! Frisch geduscht rollen wir kurz nach unserer Weiterfahrt Patrick, Rebekka und Sonya vor die Räder. Sie haben mittlerweile Zuwachs bekommen und fahren nun zusammen mit Monika, der Tante von Patrick und Sonya. Auch sie haben den Yolin Am Canyon, bzw. die sogenannte Geierschlucht, zum Ziel, also beschließen wir gemeinsam weiterzufahren und erreichen gegen Abend einen Nebencanyon, in welchem wir das Lager aufschlagen und bei Lagerfeuer zu Abend essen.

Wir haben trotz der Kälte einen herrlichen Abend, denn unter allen anderen möglichen und unmöglichen Dingen haben die Schweizer auch einen großen Schwung Feuerholz aus Russland dabei – finden wir gut! Am kommenden Tag halten die Vier ihr Versprechen an sich selbst und joggen den Canyon hinauf und wieder herab. Wir können – leider – nicht teilnehmen („leider keiner Joggingschuhe dabei“), setzen stattdessen die Drohne in Bewegung und sehen dieses wunderbare Gebirge von oben. Voller Vorfreude auf weitere Eindrücke bewegen wir die zwei Fahrzeuge später in die Geierschlucht und erleben eine tolle Offroadstrecke. Es ist hin und wieder ziemlich knapp, insbesondere für den Saurer, aber wir kommen zusammen bis zu der Stelle, an der jemand unser Weiterkommen durch eine Kette vorsorglich zu verhindern wusste. Wir beschließen, die Kette Kette sein zu lassen und trennen uns. Die Schweizer machen sich auf zu einer Wanderung von Osten her in den Canyon hinein, Johanna und ich haben uns für den Tag noch ein wenig vorgenommen und so fahren wir weiter, um von Westen her den Yolin Am zu erkunden.

Auf dem Weg machen wir noch einen Abstecher in einen zwischenliegenden Canyon und haben Glück, denn, nachdem wir ein ganzes Stück zu Fuß in die Schlucht gelaufen sind, treffen wir für den Rückweg auf einen Trupp pensionierter Regierungsmitarbeiter, die zusammen auf einem Ausflug sind. Eine der Damen hat in den 80er Jahren 5 Jahre in Ostberlin zum Studium verbracht. Sie hat ewig kein Deutsch gesprochen, doch nach den ersten Sätzen gerät sie regelrecht in einen Wortschwall und wir quatschen erneut auf Deutsch – schräg! In diesem Fall ist es sogar etwas Besonderes, denn wir erfahren Vieles über die mongolische Kultur in unserer Sprache.

Die Gruppe fährt gemeinsam mit uns weiter und wir stürzen uns in einen riesigen Haufen chinesischer Urlauber, die die „Golden Week“ nutzen, um ein wenig Sightseeing im nördlichen Nachbarland zu machen. Wir fühlen ein wenig Fremdscham, als wir die unbeholfenen Chinesen sehen, die auf den Touri-Mulis von mongolischen Bauern durch die Schlucht getrieben werden. In heller Erwartung auf Abenteuer, wie sie diese wahrscheinlich aus dem TV kennen, jauchzen sie planlos, wenn die Maultiere in Trab geraten – und kriegen es kaum hin sich im Sattel zu halten. Dazu düsen einige Mongolen hastig mit ihren Mopeds an uns vorbei in den Canyon hinein und verkleiden sich noch während der Fahrt als Dschinghis Khan, damit die wahrscheinlich gut zahlenden Touristen nicht meckern, wenn sie „authentisch“ an die Leine genommen werden wollen. Nachdem wir Herden von Chinesen hinter uns gelassen haben, treffen wir auf eine Gruppe Gebirgsyaks, deren Anblick uns ungemein mehr beruhigt. Mir fällt mal wieder auf, dass Yaks sich gut als Hunde gefangen im Körper einer langfelligen Kuh beschreiben lassen. Anders kann man diese tollenden und geselligen Tiere nicht beschreiben. Wir beide haben uns richtig verguckt in diese Tiere. Immer tiefer geraten wir in die Felsen hinein und drehen erst nach einiger Zeit um. Die Sonne erreicht uns schon länger nicht mehr in den Tiefen der Felsen, doch bevor es richtig dunkel wird, wollen wir den Wagen doch noch erreichen. Wir eilen also zurück, um nach Möglichkeit noch, wie geplant, für die kommende Nacht eine Schlucht weiter zu erreichen.

Wir entfliehen also dem Trubel und stehen wenig später vor einem schlecht abgesperrten Fahrweg. Wir reden uns den Absperrversuch schön, erklären ihn für obsolet, schlenkern an den Steinen vorbei, lassen die verwüstete Fahrspur rechts liegen und kraxeln die immens steile Westseite des vor uns liegenden Bergs hinauf. In der Annahme, damit die eigentliche Hürde, die zur Sperrung geführt hat, geschafft zu haben, geht es weiter. Nur etwa zehn Minuten später stelle ich mit schlotternden Knien und Panik im Gesicht fest, dass der Zustand dieses Weges allgemein Grund zu einer Sperrung ist. Mushi steht fast 35° zur Seite geneigt vor einer noch schrägeren Partie und es gibt kaum vor noch zurück.

In solchen Momenten die Ruhe zu bewahren verlangt einem alles ab. Die Lösung wird sein, dass Johanna als menschlicher Ausleger zur nach oben gerichteten Seite hinaus als Stabilisator dienen wird und wir den Wagen Zentimeter für Zentimeter rückwärts aus der Misere lotsen. So gut die Karre bergauf fahren kann, umso schwieriger sind Schräglagen zur Seite hin, dank kopflastiger Beladung und recht schmaler Spur. Immer noch ganz fertig von diesem Schockmoment entschließen wir uns, oben auf dem zuvor erklommenen Berg für heute Schluss zu machen und morgen den Weg vorwärts zu finden. Und auch dieser Platz ist (wieder einmal) herrlich!

Wir merken, dass uns langsam die Zeit davonläuft und wir noch einige Wüstenkilometer zu bestehen haben, bis wir am 15.10. in China einreisen müssen. Daher entscheiden wir uns für einen relativ direkten Weg durch die mongolische Gobi und fahren zunächst Bayandalai an, um Vorräte aufzufüllen und uns nochmal zuhause zu melden. Der nächste Stopp auf unserer Route werden die Singenden Dünen der Khongoryn Els sein. Wir schaffen die Strecke dorthin noch am gleichen Tag und tauchen in die sagenhaft lebhafte Welt dieser Landschaft ein. Hier quellen Wasserläufe auf der Nordseite der Dünen hervor und alles, was 4 Beine oder zwei Flügel hat, macht hier Rast. Wir parken Mushi am Fuß dieser riesigen Sandhaufen und killen bei untergehender Sonne unsere letzte Flasche Wein auf einem hochgelegenen Kamm. Als Wind aufkommt hören wir, was den Dünen ihren Namen gibt: ein rollendes, fast tieffrequentes Brummen des fliegenden Sandes, das wie eine Melodie in den Tälern klingt.

Am kommenden Vormittag fahren wir die Nordseite ab und genießen die ungewöhnliche Vegetation. Wir sind schon etwas aufgeregt, denn für heute steht noch die Überquerung der Dünen nach Süden hin auf dem Plan. Als wir ankommen, wo wir uns die Passage vorgenommen haben, lassen wir erstmal ordentlich Druck aus den Puschen und furchen uns mit 1,5 bar Reifendruck in die sandigen Weiten. Es fühlt sich an, als würde man mit einem Brett auf Wellen dahinfahren. Der Wagen macht hin und wieder scheinbar beliebige Schlenker nach links und rechts, doch mit genug Gas und zügigem Einlenken stimmt der Kurs wieder und wir kommen gut voran. Auf halbem Weg kann Johanna nicht anders und lässt noch einmal die Drohne steigen, um ein paar starke Bilder von unserem Abenteuer zu machen. Später erreichen wir ohne Zwischenfälle die Südseite und sind endlos erleichtert.

Allein der Gedanke dort festzustecken und inmitten der trockenen und heißen Sandlandschaft auf Besserung zu warten, hat uns die Schweißteller unter die Achseln gezaubert. Aber: wieder einmal mehr wissen wir, wie weit wir gehen können.

Später am Nachmittag wird unsere Euphorie jedoch gedämpft. Als wir gerade der Kompassnadel nach auf Wegen fahren, die gerade so eben als solche zu erkennen sind, ist von hinten ein dumpfer Knall zu hören. Wir halten an und sehen, dass sich unsere Ersatzradhalterung verabschiedet hat – einmal mittig durchgebrochen. Schöner Scheiß, mitten in der Pampa. Da haben wir dem Paulchen-Träger vielleicht doch zu viel zugemutet?  Wir beginnen also die Konstruktion in Einzelteile zu zerlegen und stellen fest, dass eine der zwei oberen Halterungen verloren gegangen ist. Uns kommt gleich in den Sinn, dass das Ganze bei einer der Flussbettdurchquerungen passiert sein muss. Fast jedes Mal, wenn wir aus dem Bett die Uferkante hinauffahren, geht ein ordentlicher Ruck durch den Wagen. Weil wir nicht wirklich wissen, wie wir das Ersatzrad alternativ mitnehmen sollen, entschließen wir uns zurückzufahren, um nach dem verlorenen Teil zu gucken, falls eine Reparatur machbar ist.

Die Herausforderung ist nur, den richtigen Weg zurück zu finden und dabei die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Nach einer Dreiviertelstunde gelingt uns das Unwahrscheinliche und wir finden die Halterung – genau an einer Uferkante eines Flussbetts. Was ein Glück! Mit dem nun hinten im Fußraum verstauten Reifen und der gänzlich demontierten Trägerkonstruktion im Heck versuchen wir die verlorene Zeit wettzumachen. Kurz vor der Dämmerung erreichen wir felsiges Gelände, das entlang der angepeilten Richtung liegt. Wir entschließen uns mittendurch zu fahren. Doch Johanna wird etwas stutzig, als Mushis Federweg plötzlich nicht mehr auszureichen scheint. Wir halten und sehen die nächste Panne: vorne links hat uns irgendein dorniger Busch einen Platten beschert. Heute ist wirklich der Wurm drin… Vor der Reise hat man uns ein Reifenreparaturset speziell für Motorräder empfohlen, dessen Anschaffung sich heute lohnt. Wir kriegen den Reifen tatsächlich ohne Demontage geflickt und können unsere Fahrt im Dunkeln fortsetzen. Wir wollen einen windgeschützten Ort finden, doch haben so unsere Schwierigkeiten, denn das Gelände ist ziemlich schwierig zu befahren. Ich gehe also mit der Kopflampe voran und scoute den besten Weg. Diese Nacht sucht uns ein Sturm heim und wir haben keinen Schimmer, wo wir stecken.

Tag der Pannen

Zwischenzeitlich haben wir wieder Kontakt zu Rafael aufgenommen. Wir beschließen entlang der Southern Route aufeinanderzutreffen. Johanna und ich peilen zuvor noch einen Werkstattaufenthalt in der mongolischen „Großstadt“ Altai an. Neben dem platten Reifen von gestern führt nämlich ein offenbar geplatzter vorderer Stoßdämpfer und sein schon sehr ermüdeter Bruder zu einer bedenklichen Performance in dem anspruchsvollen Gelände. Nun heißt es also noch mehr Strecke machen und dabei möglichst vorsichtig fahren. In dem Kaff Bayanbulag lernen wir Dominik und seine Freundin kennen, die aus Bayern stammen und uns nun mit ihrem Toyota Hilux Cab entgegenkommen, um weiter in Richtung Khongoryn Els zu fahren. Wir genießen auch diesen kurzen Schnack und freuen uns, sie kennengelernt zu haben. Beiden wünschen wir eine wunderbare Zeit weiter südlich.

Wir durchqueren ein weiteres, ganz unwirkliches Gebirge auf der Sohle einer hindurchführenden Schlucht und finden weiter nördlich ein weiteres Lager, wieder in einer Dünenlandschaft. Hier ereilt uns beim Wiederaufbruch die böse Vorahnung eines sich anbahnenden Sandsturms und wir brechen unser Zelt schnell ab. So früh am Morgen macht Eile keinen Spaß, aber manchmal muss man abwägen. Jedenfalls sind wir so unter Strom, dass mir jede Abkürzung recht ist. Und die nächste führt uns leider auf einen kleinen Sandhügel, auf dem Mushi zum Liegen kommt. Kein Vor, kein Zurück. Scheiße… Vor und hinter der kleinen Düne hat Mushi den losen Sand ratzfatz in alle Himmelsrichtungen gepustet, jetzt liegt sie da wie eine Wippe. Wir versuchen schnell noch ein paar Manöver, machen es aber nur schlimmer. Also nichts wie raus, Schaufel gepackt, erst vorne, dann hinten den Wagenheber angesetzt, um ein Loch unter das jeweils freidrehende Rad zu buddeln und ein Sandboard unterzulegen. Dieser Sand wandert in JEDE Ritze!!!

Kurz bevor wir fertig sind ist es dann soweit: der Sandsturm holt uns ein. Für geschlagene 5 Sekunden. Dann war’s das auch schon wieder. Wie ein Phantom zieht er weiter und wir beißen uns in die Ärsche. Die ganze Eile scheint umsonst gewesen zu sein. Nun gut – hat sich denn der Aufwand um Mushis Bergung gelohnt? Hat er! Kurze Zeit später ist alles Werkzeug wieder verstaut und wir fahren gen Norden zur Southern Route, auf die wir westwärts einschlagen. Heute soll es nur noch nach Altai gehen und dann ist auch gut. Auf der westlichen Stadtseite finden wir unweit vom Flughafen einen Schlafplatz auf einem Feld (Fluglärm? …von welchen Fliegern?! 😉), das auch Alkoholikern gut zu gefallen scheint, wenn es um die Entsorgung des Glasmülls geht. Voll egal, irgendwie sind wir einfach nur fix und alle. Immerhin haben wir es kurz vorher noch geschafft uns bei der angepeilten Werkstatt für den nächsten Morgen anzumelden.

Als wir dort aufschlagen und uns noch über all die ulkigen Fahrzeuge auf dem Hof und die auf das Hallentor geschmierten vielversprechenden Lettern „Mongol Rallye“ freuen, kommt der Betreiber wenig später heraus und schaut sich die Stoßdämpfer und dann den zerlegten Reifenhalter an. Er versteht kaum ein Wort Englisch – eigentlich bloß „welding“ und „hello“ – und es kostet mich erstmal einiges an Geduld, um mit ihm das richtige Vorgehen bzgl. des Radträgers zu erörtern. Eigentlich hatte ich noch ganz wilde Pläne und dachte daran, einen ausklappbaren Halter zu bauen, der an der Stoßstange befestigt wird („swing bar“), aber die habe ich soeben über den Haufen geworfen, denn so wirklich will er mich nicht verstehen und er scheint auch selbst an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Als ich dann noch sein Equipment in dem Chaos seiner Werkstatt sehe weiß ich, dass wir uns hier auf die Basics fokussieren sollten. Zusammen braten wir also alte Heizungsrohre als Schienen an die alte Konstruktion und kriegen das gemeinsam auch ganz gut hin. Aber Schweißnähte zum Heulen! Später bin ich damit beschäftigt, die einfach zusammengebrutzelte Struktur der Nähte von Lackeinschlüssen zu befreien, um sie später neu mit schwarzem Lack zu versiegeln. Na also, mit der Zeit wird das doch was! Zwischendrin dengel ich unser Unterbodenblech noch gerade, das wir zwei Tage zuvor bei einer Flußdurchquerung komplett demoliert haben. Der Mechaniker war auf einmal weg, daher habe ich nun ein wenig freie Hand in seinem Betrieb. Auf einmal steht er wieder vor uns und hat – tatsächlich selbstständig – neue Stoßdämpfer besorgt. Die sehen sogar ganz vernünftig aus, sind günstig und er macht sich ans Werk und scheint zu wissen, was er da tut. Am Ende staunen wir nicht schlecht, als wir sehen, wie kaputt die alten Stoßdämpfer tatsächlich gewesen sein müssen: Mushi wirkt verdammt nochmal hochgeliftet und wie ein echtes Offroadmonster! Wir zahlen den guten Mann (40 € plus 60 € für die Dämpfer) und wechseln die Straßenseite, um Mushi bei dem Autowäscher zu reinigen, mit dem wir nun schon den ganzen Tag geliebäugelt haben.

Danach sind wir dran und es geht wieder mal in ein Badehaus. Wir suchen unseren Weg durch den Keller eines großen „Multifunktionhauses“ (von Schusterei über Kosmetikladen bis hin zu Friseur war hier allerhand zu sehen), werden von einer Putzfrau empfangen, die uns kurz darauf im Bad einschließt, um uns nach 20 Minuten frisch glänzend wieder zu befreien. Zwischenzeitlich hat Rafael uns seine Ankunft in Altai für diesen Abend vorausgesagt, daher holen wir noch 6 Pilsetten ein und erwarten ihn ungeduldig auf dem Parkplatz vor dem Badehaus. Endlich – wir hören den kräftigen Eintakter heranknattern und herab steigt ein sichtlich verfrorener, aber über die ganze Visage strahlender, langhaariger junger Mann! Moin Moin! Er hat gerade einen 900 km Ritt hinter sich (und wir wissen, wie bekloppt gewisse Teilstrecken davon sind). Wir können es kaum fassen und entschließen, schnell aus dem Ort zu kommen, um nicht allzu weit weg in Ruhe Hallo zu sagen.

Wir haben einen herrlich ausgelassenen Abend, essen und trinken und quatschen, bis wir nicht mehr können und tot in die Betten fallen. In weiser Voraussicht, denn für den kommenden Tag stehen 600 km auf dem Plan und ein Rendezvous mit Max und Clement, den französischen Brüdern. Wir wachen also früh auf und nehmen es mit der Strecke auf uns. Für Rafael sind 600 km keine Besonderheit, wir jedoch wissen, dass solche Distanzen eigentlich nur in Ausnahmefällen hinnehmbar sind. Wir wollen jedoch noch zwei Nächte mit der neuen Gruppe verbringen, bevor wir nach China einreisen und geben daher alles. Rafael ist mit uns zur Entschleunigung angehalten, kann das „cruisen“ aber nach eigener Aussage genießen. Hoffen wir mal, dass er es auch in den kommenden fast 1,5 Monaten so halten kann. Noch kennen wir die echte Reisegeschwindigkeit der Ente nicht… Wir fahren also den ganzen Tag und lassen nochmal mongolische Weite an uns vorbeiziehen. Unterwegs gabeln wir noch ein junges Mädchen auf, das mit ihrem Bruder an der Straße auf einen Lift nach Mankhan wartet. Ihr Bruder ist nur dabei, um zu sehen, bei wem sie einsteigt, scheint mit uns aber zufrieden zu sein und Mankhan liegt auch direkt auf unserer Route. Ziel ihrer Reise ist übrigens die örtliche Karaokebar – Klassiker!

Nun steht uns noch der gebirgige Teil bevor und es ist schon spät am Nachmittag. Langsam erahnen wir, dass eine Ankunft im Hellen nicht mehr möglich sein wird. Wir holen nochmal die aktuelle Position der Brüder ein und diese wollen Wegzeichen präparieren, sodass wir sie auch nicht verfehlen. Unsere Route führt uns auf 2.900 m Höhe – damit sind wir so hoch, wie noch nie zuvor. Wir feiern das ein bisschen, wohlwissend, dass da noch anderes auf uns zukommen wird. Die Fahrt ist wundervoll! Für Rafael leider ein wenig kalt, dafür kann er sich an der fabelhaften Kulisse warmgucken. Als wir wieder abwärts in Richtung Grenze fahren, erscheinen links und rechts die ersten Bäume seit langer Zeit und klare Gebirgsflüsse mäandern dazwischen hinab in die Täler. Nach der kurvigen Strecke hinab erreichen wir ein Plateau, von welchem aus wir den Mond in seiner vollen Pracht vor uns stehen sehen. Wir legen einen Zahn zu und finden bald die von Clement in den Boden gesteckte, aufrechtstehende Wirbelsäule (wahrscheinlich von einer Ziege), biegen ab und erkennen schon aus der Ferne die schwenkenden Taschenlampen. Die Gruppe ist vereint und wir haben viel zu erzählen und beginnen mit dem Kennenlernen.

Am kommenden Tag machen wir nichts anderes, verlassen den Ort nicht und essen die restlichen Vorräte, die wir ohnehin nicht mit nach China nehmen dürfen. Rafael und ich düsen nochmal in den nächsten Ort, um etwas Bier einzuholen. Abends klettere ich mich den Franzosen auf den naheliegenden Gebirgskamm, während Johanna uns zusammen mit Rafael mittels der Drohne ausfindig macht.

Es kommen noch zwei mongolische Mädels auf ihren Pferden des Weges und versuchen nach einem kurzen Kennenlernen Johanna für die Tiere mit dem Pferdeschwanz zu begeistern. Pferemädels… Ob Johanna auch so eine wird? Ich wag es zu bezweifeln, obwohl sie fast schon wie die Marlboro-Frau aussieht.

Dann kommt der Montag – der Tag vor der Grenze. Wir setzen einmal um, etwas dichter an die Kontrollposten, und finden einen idyllischen Platz direkt an einem Netz aus Flüssen und bewachsen von urtümlichen Bäumen. Wir sammeln Feuerholz im Flussbett und haben nach erfolglosen Angelversuchen einen tollen Abend am Feuer. Nachdem wir unsere eiserne Reserve Geelen Kööm als Teepunsch ausgeschenkt haben, wird die Stimmung ausgelassen und auch meine Gitalele kommt zum Einsatz. Ganz nach unserem Geschmack!

Fast wehmütig verlassen wir diesen zauberhaften Ort, jedoch voller Aufregung über das, was dort vor uns liegt: China, das Reich der Mitte!

9 Kommentare bei „Mongolei – Teil 3: Die Gobi“

  1. Moin ihr beiden! Herrlich immer wieder was von euch zu lesen! Eine wahnsinns Tour!! Schön, dass wir etwas teilhaben können…
    Bis bald und ganz viel Spaß!!
    Olli

    1. Vielen Dank! Freut uns, dass ihr dabei seid und dass es gefällt! Liebe Grüße nach Husum!

  2. Liebe Johanna, lieber Malte ,

    wieder ein sehr schöner Bericht ….. die Heimat freut sich immer wieder und ich glaube Eure Fangemeinde wird immer größer 🙂

    Passt weiterhin auf Euch auf !!!

    Liebe Grüße

    1. Vielen Dank für deine lieben Worte! Wir freuen uns, dass wir hier unsere Erlebnisse mit euch teilen können! 🙂

  3. Klaus Borcherding sagt: Antworten

    Moin aus dem tatsächlich richtig sonnigen Norden Schleswig-Holsteins.
    Habe gerade wieder völlig begeistert eure letzten Kapitel gelesen und bin dadurch jedes mal ein ganz klein bisschen dabei – vielen Dank dafür!
    Weiterhin alles Gute bei allen Abenteuern, Kontakten und Herausforderungen …
    Klaus

    1. Lieber Klaus! Vielen lieben Dank für deine sonnigen Grüße aus der Heimat. Wie schön, dass du hier mit dabei bist und unsere Berichte liest, bald gibt’s auch wieder wat Neues zu sehen/lesen. Ich sende dir sonnige Grüße zurück aus dem warmen Laos – grüß mir auch die anderen MFG’ler lieb!

  4. Thomas Baltuttis sagt: Antworten

    Eure Berichte ersetzen jedes Mal locker die Lektüre eines Geo-Heftes. Zumal die Fotos mehr als mithalten können. Bei Johannas Fähigkeiten wäre natürlich eigentlich auch immer ein kleiner Film dazu zu erwarten! Echt klasse, was Ihr unternehmt und erlebt!
    Gruß

  5. Hallo Ihr Beiden, ich lese Eure Berichte gerne während der Zugfahrt von Ratzeburg nach Lübeck (15 Min.), hoffentlich vergesse ich bei den interessanten Geschichten und schönen Bildern nicht, rechtzeitig auszusteigen… 😉
    Vielen Dank und Euch weiterhin alles Gute. LG Astrid

  6. Vielen Dank für den Ihren Artikel! Ausgezeichnet Blog.

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