Russland – Teil 3: Der Baikalsee

Unser Aufenthalt in Ulaanbaatar ist aufgrund der Beantragung des chinesischen Visums sicherlich zweckmäßig gewesen, jedoch haben die vielen netten Bekanntschaften ihn wirklich schön gemacht. Daher sagen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge „Tschüss“ zu dieser Stadt und stürzen uns wieder einmal in den wahnwitzigen Verkehr. Einen Plan haben wir jedoch noch: da der Antrag für das Indienvisum ebenfalls bald auf uns zukommt und wir schon mitbekommen haben, dass der Antrag für über Land Reisende etwas schwieriger werden würde, als wir es noch von unserer Indienreise in 2015 kennen, wollen wir für weitere Informationen noch zur indischen Botschaft. Das Navi haben wir mit der Adresse gefüttert und wir fahren los. Nachdem Navi-App Nummer 1 scheinbar keine Peilung vom Einbahnstraßensystem der Stadt hat, versagen auch die nächste App. Schließlich fassen wir den Plan, den Innenstadtbereich etwas weiträumiger zu umfahren, um uns „von hinten“ zur Botschaft zu begeben, doch nun machen uns zahlreiche Baustellen, sowie Polizisten, die den Verkehr zwangsumleiten, einen Strich durch die Rechnung. Kein Scheiß – wir finden keinen Weg auch nur ansatzweise in die gewünschte Richtung!

Wir fühlen, dass wir den Aufenthalt nicht weiter ausdehnen sollten, lassen ab und begeben uns in Richtung Westen, von wo uns die nördliche Verbindungsstrecke zur Grenze Altanbulag/Kjachta nach Russland bringen soll. Das Internet hat uns auch hier gewarnt, dass die Straße neu ausgebaut würde und man daher über eine – gelinde gesagt – abenteuerliche Nebenstrecke geleitet würde. Jep, die Strecke ist gesperrt, doch in puncto Ausschilderung einer Alternativroute haben die Mongolen auch nicht viel zu bieten. Wir schieben uns bei einem Imbiss noch einen guttuenden Mittagstisch rein (Gemüsesuppe und Teigtaschen) und suchen uns den Weg daraufhin selbst. Was wir dann auf der Strecke bis zum Ort Darkhan an Straße erlebt haben, kann man sich nicht vorstellen, wenn man sich nur mal vor Augen hält, dass dies die Hauptverbindung von der Mongolei nach Russland ist. Die Piste ist zum Teil derart demoliert, dass Höchstgeschwindigkeiten von maximal 15-20 km/h möglich sind und man nicht anders kann, als frustriert zu schreien. Die „Nebenstrecke“ fächert sich hin und wieder auf bis zu 8 nebenliegenden Strecken auf, denn auch die Mongolen konnten die eine Strecke wohl nicht lange ertragen. Und so geht es zum Teil über Hügel, durch alte, vertrocknete Flussbetten und quer durch welche der wenigen Agrarflächen, die entlang der Route liegen. Für die gut 200 km brauchen wir am Ende fast 7 Stunden.

Der Wecker klingelt früh am nächsten Morgen, denn wir wollen früh an der Grenze sein. Wir rollen gegen 09:00 Uhr im Grenzort Kjachta ein und halten erstmal vor verschlossenen Toren. Johanna freundet sich gleich mit allen Straßenhunden an, die rund um den Grenzposten liegen und lungern. Man muss wirklich sagen, dass die es hätte schlechter treffen können. Die zum Verweilen gezwungenen Grenzgänger kümmern sich aus Langeweile um die süßen Racker und so geben sich beide Seiten etwas.

Unvermittelt wird der erste Schwung KFZs in die Transitzone gewunken und dann geht es schon recht fix (und freundlich) auf mongolischer Seite. Wie das wohl gleich auf russischer Seite werden wird…? Vielleicht haben wir nur den richtigen Tag und die richtige Zeit gewählt, jedenfalls haben wir super Glück mit den russischen Grenzern, die zum Teil sogar zum Quatschen und Scherzen aufgelegt sind. Nach insgesamt bloß 2,5 Stunden spüren wir wieder russischen Asphalt unter den Rädern. Hervorragend!

Wir haben ein Date. Kurz zuvor haben wir uns mit Maximilien und Clemént verabredet, mit welchen wir unsere Reise durch China bestreiten wollen. Auf mongolischer Seite hat es noch für die grobe Verständigung gereicht, dass wir uns an einem See treffen wollen. Nun legen wir unsere russische SIM-Karte ein und stellen fest, dass die 30 Tage seit Erwerb der Karte und des damals erworbenen Kontingents bereits vorüber sind. Ein genauerer Blick auf die Karte dämpft auch die aufflimmernde Hoffnung, man würde sich schon irgendwo an dem See gegenseitig finden – der See wirkt nur im Vergleich zum Baikalsee klein, das war’s dann aber auch schon mit klein! Dieser See macht größentechnisch wahrscheinlich dem Bodensee Konkurrenz. Naja, aus dem mit den Brüdern Geschriebenen lässt sich noch lesen, dass die vorige Nacht im Nordosten des Sees verbracht hätten und heute mit ihrer Ente einen „Pfad“ entlang des Sees nach Süden einschlagen wollen. Wir checken unsere Offlinekarten und erahnen besagten Pfad. Wir versuchen eine gute Stunde diesen von Osten her zu erreichen – vergebens. Dann fahren wir nach „Nordosten“ und biegen hinab zum See – Tatsache, der Weg! Aber mehr als ein „Pfad“ ist es nicht. Mushi nimmt den Weg recht locker auf sich, doch wie verdammt wollten die Jungs das mit ihrer Ente meistern?! Und doch, konsequent sieht man eine schmale Spur schmaler Reifen, die schon ein sehr eindeutiges Indiz für eine erfolgte Durchquerung sind. Wir halten Ausschau nach der roten Ente entlang des Ufers, doch finden sie nicht. Schließlich kommen wir nach fast 2 Stunden am Südzipfel des Sees bei einer Ortschaft an. Nun ist guter Rat teuer, und die 50 MB Datenvolumen, die Johanna prompt bei o2 Deutschland kauft, sind es ebenso. Dennoch rettet es die Situation: es stellt sich heraus, dass wir die Brüder falsch verstanden haben. Tatsächlich war ihr Vorhaben für den Tag den kompletten See (!!!) zu umrunden, um uns abends an ihrem alten Schlafplatz wieder aufzufinden. Wir steuern die ausgebaute Straße im Ort an und nehmen wieder asphaltierte Weg unter die Räder, zurück nach Norden. Als wir ankommen, sind wir noch allein, doch dann halten wir inne – da quietscht doch was?! Oder trötet? Da, die Ente, wie sie von der Straße den Weg hinab zum See gedüst kommt, wie wild am hupen (bzw. tröten). Ein Bild, das wir sicherlich so schnell nicht vergessen werden! Die Ente kommt angehüpft, macht Halt und kurz darauf schließen wir uns alle in die Arme. Nach gut 2 Monaten sehen wir Clemént und Maximilien wieder, die uns auf ihrem Weg zum Nordkap noch in Flensburg besuchten, um ein erstes Mal über die Chinareise zu sprechen.

Wir haben einen herrlich ausgelassenen Abend, zwischenzeitlich bereichert durch zwei Russen aus dem nebenliegenden Ort, die gemeinsam auf einem Motorrad den Hügel zu unser herausgefahren kommen – wohl gemerkt: der, der am meisten getankt hat, muss auch fahren! Vor lauter Freude und Ausgelassenheit macht sich einer der beiden (der Fahrer) fast in die Büx. Na, vielleicht übertreibe ich da jetzt, ich will ihn auch nicht blöd dastehen lassen. Es ist eigentlich ganz niedlich, wie die beiden sich für dieses „Happening“ interessieren. Dann hocken beide auf ihr Moped und „fallen“ an der steilsten Flanke des Hügels wieder zurück in ihr Dorf. Wir futtern noch etwas und trinken Bier, während wir reden und reden. Als wir zu müde sind für irgendetwas, geht’s in die Heia. Also für die Jungs in ihr Quechua Popup-Zelt. Beeindruckend, wie minimalistisch die beiden alles angehen!

Zum Frühstück gehen wir nochmal die Planung durch und besprechen insbesondere die Beantragung des Chinavisums, denn auf die Brüder wartet eben dies, was Johanna und ich in der vergangenen Woche in Ulaanbaatar durchgemacht haben. Gegen Mittag verabschieden wir uns und fahren in entgegengesetzte Richtungen davon. Johanna und ich werden beim Tanken im nächsten Ort auf eine Werkstatt aufmerksam, vor der ebenfalls ein L300 steht. Wir beschließen kurzerhand dort um Reparatur unseres Tanks zu fragen, denn dieser leckt bereits seit längerem, doch zuletzt ist es doch mehr geworden. Der Chef des Ladens, Slava, winkt uns gleich über eine Grube in seine große Werkstatt hinein und gleich geht es los. Übrigens klasse, dass wir eben erst vollgetankt haben… Nun ja, russische Mechaniker wissen sich immer schnell zu helfen und so landet der kostbare Diesel fix in zwei Tonnen und der Tank ist schnell demontiert. Sie seifen den Tank ein und geben Luftdruck auf das System. Mitten auf dem Blech, an der Stelle, wo die Halterung zum Fahrzeugrahmen montiert ist, fängt es an zu blubbern. So ein Dreck, das Blech ist dort einfach durchgerostet. Wieder ein positiver Zug russischer Mechaniker – warum neu, wenn man es reparieren kann? Versuch mal in Deutschland einen durchgerosteten Tank reparieren zu lassen… Hier arbeiten jedenfalls prompt zwei Männer mehrere Stunden mit Brenner, Lot und Blech daran, das Ding wieder dicht zu bekommen. Wenn man bedenkt, dass sie da mit offener Flamme an einem Dieselbehälter arbeiten… Hallo, Berufsgenossenschaft?! Wir finden es männlich und großartig!

Als sich die Stunden ziehen, beschließen Johanna und ich noch einkaufen zu gehen, Johanna klemmt sich daraufhin noch übel ihre Finger in der Tür der Werkstatt und so landen wir statt bei „Cash & Carry bei der örtlichen Apotheke, um alles „fachgerecht“ zu verbinden. Ah man, es scheint, als könne der Tag doch bald gern ein Ende finden! Wir kommen zurück in die Werkstatt und alles ist fertig, nur wollen die Angestellten noch mehr über uns wissen. Und so werden wir in den Personalraum gerufen, um das zusammenzulegen mit der Umkleide – soll heißen: auf einmal sitzt Johanna inmitten von Männern, von denen die eine Hälfte in Unterhosen dasteht und gespannt Slava’s Interview mit uns beiden lauscht. Glückwunsch, Johanna, hier hast du einen der von dir herbeigesehnten intimen Momente mit Menschen entlang unserer Wegstrecke! Lachend fahren wir mit einer trockenen Mushi vom Hof, gehen endlich einkaufen und düsen wieder zum Schlafplatz der letzten Nacht, denn es ist wieder stockfinster.

„Neuer Tag wird Sonne bringen, Sonne ruft das junge Leben“ – stimmt, und so erreichen wir noch gegen Sonntagmittag Ulan-Ude. Hier füllen wir unsere Wasservorräte an einer öffentlichen Trinkwasserpumpe auf und gönnen uns wieder unlimitiertes Datenvolumen bei unserem russischen Mobilfunkanbieter für umgerechnet ca. 5 €. Dann kann es uns nicht mehr halten, denn wir wollen zu ihm: zum Baikalsee! Wir schlagen die Route nach Norden ein und entscheiden uns so, vorerst auf der burjatischen Seite des Baikal zu bleiben. Gegen Abend sehen wir das erste Mal die Wasseroberfläche des weltweit größten Trinkwasserreservoirs. Gleich suchen wir uns einen Platz direkt am Wasser und genießen den ganzen Abend das Rauschen der Wellen, die auf den Sandstrand treffen. Weil es sich heute etwas herbstlich anfühlt, machen wir ein Feuer und greifen wir zu heimischen Rezepten und kochen eine wunderbare Kohl-Kartoffelsuppe. Dann sacken wir noch mit einem Kieler Klaren ab (vielen Dank, Kristin!) und hüpfen ins Zelt.

Die kleine Peninsula Svyatoy Nos wird das erste russische Naturreservat sein, das wir betreten werden. Das wissen wir nur gerade noch nicht und sind arg verwundert, als wir vor einem großem Holzgebäude stehen, das einem Informationszentrum europäischer Standards gleicht. Direkt daran angeschlossen ist die beschrankte Zufahrt zum Nationalpark. Es verlangt dem Ranger, der gerade Wache hat, einiges ab, uns die Regeln des Parks beizupulen, um uns daraufhin 10 Minuten lang ein Zufahrtsticket auszustellen.

Die Kilometer daraufhin sind in zweierlei Hinsicht unbeschreiblich: zum einen fahren wir auf einem sehr schmalen Verbindungsarm rechts und flankiert von erst Dünen und dann dem Baikalsee auf den riesige Berge inmitten des Baikals zu, also unbeschreiblich schön – zum andern ist die Piste (mal wieder) unbeschreiblich hubbelig und wir kriegen es schon wieder mit dem Schreien… Gut, zwischendrin merken wir, dass wir wieder nicht ordentlich gefrühstückt haben und eine gute Stulle in der Hand hebt dann schnell wieder die Stimmung. Als die Peninsula erreicht ist, geht es ein Stück nach Norden. Wir suchen nach einem Übernachtungsplatz am See und nehmen es dafür mit unfassbar steilen Waldwegen auf uns, doch Mushi kann scheinbar nicht viel schocken. Wir erreichen eine Bucht, die wir mit Mushi nicht gänzlich befahren können, finden es aber so schön, dass wir uns zum Bleiben entschließen. Wir packen unsere Sachen und das Exped-Bodenzelt und richten uns für die Nacht an einem als Rastplatz eingerichteten Ort direkt am Wasser ein. Wir machen ein Feuer und hüpfen, trotz einbrechender Kälte, nochmal wagemutig in den Baikal. Danach ist alles warm! Wir essen und hüpfen in unser von hunderten Nächten vertrautes Zelt.

Von hier treten wir unsere Weiterreise nach Irkutsk entlang der Südroute an. Wir machen ordentlich Kilometer und fahren durch die burjatischen Wälder, die sich bereits in goldgelb bis ziegelrot gefärbt haben. Der Herbst ist eine fantastische Reisezeit! Vorbei an zahlreichen Baustellen schlängeln wir unseren Weg durch viele kleine Ortschaften. Auch hier merkt man chinesischen Einfluss, wenn auch etwas anders als in der Mongolei. Die Chinesen haben in den vergangenen Jahren angefangen den Baikalsee für sich touristisch zu erschließen. Das sorgt natürlich für wirtschaftliche Perspektive. Aber die Russen sind vom Gemüt etwas anders gestrickt und man merkt, dass sie nicht unbedingt wohlwollend dem neu erblühenden Tourismus gegenüberstehen. Nur wenige machen damit Profit, die meisten jedoch wollen eigentlich nichts damit zu tun haben und scheinen auch nicht groß erfreut über Veränderungen zu sein. Abends gelangen wir an den Fluss Selenga, den wir mit einer Fähre überqueren wollen. Doch wir haben uns tagsüber mit der Wegstrecke etwas verschätzt, daher wird es dunkel, als wir in Reichweite zur Fähre gelangen. Wir ahnen schon, dass wir zu spät sein könnten und ärgern uns dennoch, als wir Gewissheit darüber erlangen. Was übrigens als “Fähre“ angepriesen wird, ist viel eher eine Kombination aus einem rostigen Ponton, der lose am unbefestigten Ufer anliegt und durch Planken zu befahren ist, mit einem rostigen Transportboot, auf dem mit viel Puzzelei evtl. 6 Autos Platz finden. Von hier aus wäre der Weg zur nächsten Brücke gleichbedeutend mit einer Rückfahrt in die Stadt Ulan-Ude und darauf haben wir eigentlich null Bock. Wir kriegen Wind von einer weiteren Fähre noch weiter flussabwärts, die allerdings eigentlich nur für LKW gedacht sei. Aber wir riskieren es und fahren weiter. Als wir ankommen ist die Fähre selbstverständlich gerade auf der anderen Seite angekommen. Weiß der Teufel, ob der Fährmann noch vorhat, wieder überzusetzen – ein Fahrplan hängt hier jedenfalls nicht. Wir warten etwas und bald kommt ein alter Volga den löchrigen Weg entlanggehüpft. Das schon etwas ältere Ehepaar steigt aus, um sich die Beine zu vertreten. Natürlich sind die neugierig, was unser Fahrzeug angeht. Johanna fasst die Gelegenheit beim Schopfe, steigt aus und nimmt Kontakt auf. Beim Warten sind alle gleich und so versteht man sich, auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht. Es kommt noch ein UAZ Buhanka und ein Holzlaster, was uns beruhigt, denn so viele Fahrzeuge würden sicher nicht stehengelassen. Endlich setzt sich die Fähre in Bewegung und nähert sich. Die Uferzone ist übrigens wieder gänzlich unbefestigt und wir sind gespannt, wie wir – und vor allem der Holzlaster – auf das Fährschiff kommen sollen. Krachend landet die Fähre an und lässt – ganz simpel – die Planken auf die Uferkante knallen. Die Fahrzeuge verlassen das Boot und wir werden aufgefordert in‘ Gang zu kommen. Wir lassen den Volga und den UAZ vor und setzen nach. Die Fähre hat sicher schon bessere Zeiten gesehen. Wir sind skeptisch, ob die vier Fahrzeuge auf ihr Platz finden werden. Das halbe Schiff liegt ohne die Fahrzeuge schon halb unter der Wasseroberfläche. Der Volga, der UAZ und wir sollen uns ganz vorne nebeneinanderstellen, der Holzlaster wird mittig hinter uns platziert und schon geht’s los! Wir sind froh, dass Mushi so hoch ist, denn nun sind nur die Räder unter Wasser. Wer weiß, wie es dem Ehepaar im Volga gerade ergeht?! Die Fähre ächzt und zieht sich an dem Stahlseil durch die Selenga. Wieder krachen schließlich die Planken auf Grund und wir sehne zu, wie der UAZ nur mit Schwung die Böschung hinaufkommt. Der Herr im Volga schaut noch etwas planlos auf das bevorstehende Abenteuer und lässt uns vor. Und, ich weiß, wir wiederholen uns, aber Mushi tut es ja auch immer wieder: kein Thema! Oben, am Ende der Böschung, steht ein Kassenhäuschen und ich schließe mich dem UAZ-Fahrer an, steige aus, gehe ins Häuschen und zücke die Geldbörse. Jetzt heißt es: Worte zurechtlegen, gespielte Sicherheit auflegen und bloß nicht als „dummer Tourist“ übern Tisch ziehen lassen. 380 Rubel muss ich am Ende löhnen und glücklich darüber, dass wir recht günstig mit unserem Leben davongekommen sind, rollen wir eine knappe halbe Stunde später auf dem Platz für diese Nacht ein.

Am kommenden Tag nehmen wir es mit der traumhaften Panoramaroute auf der Südseite des Sees auf uns. Mittags suchen wir einen Platz für eine Pause und etwas zu essen auf. Der vermeintlich abgeschiedene Strand hinter dem Bahndamm entpuppt sich leider zusehends als schwer beliebtes Ausflugsziel. So laufe ich mit Spaten und Schachtmatte einen guten Kilometer entlang des Bahndammes, damit man mich in wichtigen 5 Minuten mal nicht sieht, laufe daraufhin federleicht zurück und nur ein paar Meter hinter meinem „Meditationsplatz“ bricht auf einmal ein älterer Herr aus dem Dickicht der Bahndammböschung mit einem Eimer in der Hand. Noch etwas unsicher, ob ich vielleicht doch nicht ganz unbeobachtet war, folge ich ihm, denn er schreitet unbeirrt und stracks auf den Strand zu, an dem auch Johanna schon auf mich wartet. Johanna ist auch schon ganz verwirrt, dass immer wieder plötzlich Menschen hier auftauchen, sich kurz über das Wasser freuten, und sich meist sogleich wieder aufmachen. Der ältere Herr jedenfalls war in dem nächsten Augenblick, in dem ich mal nach ihm gucken wollte, auf einmal so wie Gott ihn geschaffen hat, um zuerst sich im Baikalsee zu waschen und dann damit zu beginnen, die im Eimer mitgebrachten Schlüpper in den Fluten zu „erfrischen“. Zwischenzeitlich hat ein modischer Spielzeug-SUV neben uns gehalten, aus dem Muddi (Beifahrerin; etepetete; mit ihrem Smartphone beschäftigt) und Sohnemann (Anfang 30; vom Typ her single, jedoch voll auf der Suche; kein Mangel an Selbstbewusstsein) aussteigen. Sohnemann strahlt vor Euphorie und streckt sich erstmal, als er die Weiten des abenteuerlichen Baikal vor sich erblickt. Schnell noch das „Publikum“ abgecheckt, hilft Muddi ihm noch beim Umkleiden, die güldene Armbanduhr wird sicher im Wagen gebettet und dann wird Muddi instruiert, wie sie ihn mit seinem iPhone zu filmen habe. Man sieht ihm die Bedeutung an, die er diesem Moment, für den sie extra angefahren sind, beimisst – die Social Crowd soll ihn auf Instagram im Beifall untergehen lassen. Als er es sich fast anders überlegt, als seine manikürten Füßchen das kühle Nass betreten, fasst er sich doch ein Herz und duckt sich für den Bruchteil einer Sekunde unter Wasser, jauchzt, „fliegt“ aus dem Wasser und lässt sich das Video zeigen. Er ist mit dem Video nicht wirklich zufrieden – ob es an seiner bescheidenen Performance liegt, oder daran, dass die Muddi so schnell gar nicht auf „Record“ drücken konnte, wissen wir nicht. Er wiederholt das Ganze exakt gleichermaßen, nur dass Muddi sich nun richtig ins Zeug legt. Jetzt ist er zufrieden, oder aber akzeptiert den Clip, weil er ein weiteres Mal nicht überstehen würde. Und was macht der ältere Herr 50 m weiter derweil? Der wäscht seit bereits 20 Minuten seine Wäsche und steht dabei hüfthoch im Wasser. Dieser Mann braucht Instagram!

Um uns herum wurde russische Picknick-Kultur mittlerweile in allen Facetten zelebriert und wir könnten noch Stunden bleiben und beobachten. Doch uns treibt voran, dass wir für morgen bei AirBnb bereits ein Zimmer bei Ksana in Irkutsk gebucht haben und so fahren wir noch bis Slyudyanka, um dort auf einer bezaubernden kleinen Halbinsel die Nacht zu verbringen. Um diese zu erreichen, müssen wir sogar ein Stück durch Baikalwasser kreuzen, aber es lohnt sich sehr! Die Halbinsel scheint ein schamanisch genutzter Ort zu sein und sie bietet sich wirklich an für Spirituelles, so exponiert wie sie am südlichsten Zipfel in den See hineinragt. Bis auf eine Hand voll abendlicher Besucher werden wir hier unsere Ruhe haben.

Nächster Stopp: Irkutsk. Wir wissen nicht wieso, aber irgendwie birgt dieser Name etwas nahezu Mystisches. Er verspricht unentdecktes Russland und die inoffizielle Bezeichnung „Paris Russlands“ macht die Stadt nicht weniger interessant. Wir starten also von unserem kleinen Halbeiland und nehmen es mit der Straße nach Norden auf. Überasphaltierte Straßen kann man wirklich gut Strecke reißen, jedoch fordert diese jetzt unsere ganze Konzentration, denn es folgen unzählige Steigungen und Gefälle und 1000 scharfe Kurven. Nach einigen Stunden entscheiden wir uns in einem kleinen Örtchen für ein Mittagessen in einem kleinen, sagen wir „Bistro“, nachdem wir die Glühlampe des defekten Frontlichts gewechselt haben. Der Laden erschlägt einem mit seinem rustikalen Ambiente. Alles ist auf massiven Holzbohlen gefertigt – selbst die Frau am Tresen. Mit hölzerner Miene nimmt sie unseren Bestellversuch entgegen und wir wissen ernsthaft nicht, was da auf uns zukommen wird. Eine Viertelstunde später werden Dinge aufgetischt, mit denen wir eigentlich nicht gerechnet haben, aber wir reden uns die Situation schön nach dem Motto „das sind vielleicht regionale Variationen der von uns gewünschten Gerichte“. 2 Minuten später wird uns allerdings bewusst, dass was nicht stimmen kann. In der Küche entsteht rege Verwirrung und gepaart mit unserer Verwirrung wird allen klar, dass wir gerade das Gericht des Truckers, der zwei Tische weiter sitzt futtern. Wir haben selten so viel Ratlosigkeit gesehen, wie nun im Gesicht der Kellnerin geschrieben steht. Wir vermitteln der guten Dame, dass wir nun einfach weiteressen würden, es eine gute Idee sei, dem Herrn das Gleiche nochmal zuzubereiten und schieben uns das deftige Mahl rein. Wie der Andere das allein hätte essen wollen?! – wir haben keine Ahnung.

Ein paar Stunden später rollen wir in Irkutsk ein und fahren zu unserer Gastgeberin, Ksana. Sie wohnt in einem großen Mehrparteienhaus auf einem Hügel oberhalb der Stadt und lädt uns in die Wohnung ein, in der sie mit ihrem Vater und ihrem Sohn lebt. Die Wohnung ist herrlich groß und unser Zimmer verdammt geräumig – besonders, wenn man es mit unserer eigentlichen „Wohnung“ vergleicht.

Ksana ist selbst offensichtlich noch dabei sich „zurechtzumachen“, nimmt sich aber dennoch Zeit für uns. Wir haben ein wenig die Hummeln im Hintern bezüglich Mushi und den notwendigen Reparaturen und so fahren wir noch am gleichen Abend zu einer Werkstatt, die uns online empfohlen wurde. Eigentlich erreichen wir die Werkstatt, als diese gerade im Begriff ist Feierabend zu machen. Doch die Jungs sind sofort interessiert und angetan von unserem Wagen. Sofort sollen wir über den Graben fahren und zu dritt prüfen sie, woher das Klackern kommt, das eintritt, sobald wir im Allradbetrieb sind und wir Kurvenfahrten und/oder Bergabfahrten machen. Außerdem stellen wir fest, dass die eine Stütze des Querstabilisators unsere abenteuerliche Fahrt durch den Altai nicht überlebt hat. Russisch pragmatisch wird das Problem sofort behoben. Wir verabreden uns für den nächsten Tag, denn die als Ursache vermuteten Radlager haben die Jungs nicht auf Lager.

Am nächsten Morgen nimmt Ksana uns nach einem kleinen Frühstück an die Hand und wir erkunden die Stadt. Naja, eigentlich warten wir nach dem Frühstück erstmal 1-2 Stunden, bis Ksana sich auch zu genüge chic gemacht hat und dann geht es los. Erstmal zur Tram und dann downtown. Gute 3 Stunden folgen wir der flotten Frau durch die wunderschöne Stadt und sie hat eine Menge Geschichtliches zu erzählen. Danach kaufen wir im Supermarkt etwas zu essen und zu trinken und setzen uns ans Ufer des Angara zu einem Picknick in der nochmal sehr warmen Sonne. Danach schlendern wir noch mit einem Eis auf der Hand über die Insel Yunosti, die in den vergangenen Jahren zu einem Naherholungsgebiet für die Bevölkerung gestaltet worden ist und vor jungem Leben brummt. Ksana erzählt, wie ihre Generation in den vergangenen 2 Jahren viel bei der lokalen Administration durchgedrückt hat, da zuvor kein Bisschen staatliche Förderung bei der Bevölkerung angekommen sei. Irkutsk habe sich daher kürzlich sehr zum Positiven entwickelt.

Als Ksana einfällt, dass sie heute doch noch arbeiten muss (sie arbeitet immer abends), verabreden wir uns für spät am Abend für ein paar Bier in der Bar eines ihrer Freunde und wir machen uns nochmal zur Werkstatt auf. Stolz zeigen uns Sascha und Pascha, welche Teile sie getauscht haben und bitten uns erwartungsvoll eine Testrunde im Wagen zu drehen. Ich glaube, dass sie das Knacken noch auf dem Werkstattvorplatz gehört haben, während ich 200 m weiter ein paar Runden im Allradmodus hingelegt habe, jedenfalls blickte ich in entgeisterte Gesichter, als ich wieder vorfahre. Und dann sehen wir, wie der Ehrgeiz sie packt und sie wieder loslegen. Sie schließen auf ein nächstes Teil (Antriebswelle) und wir verschieben die Fahrzeugübergabe auf den nächsten Tag.

Abends treffen wir uns dann spät bei Ksana zuhause und erleben dann erneut, wie sie sich für die Bar aufbrezelt. An ihrem Freund scheinen Erwartungen zu hängen… Wir nehmen ein Yandex-Taxi zur Bar, die tatsächlich eine waschechte Biker-Bar ist. Uns dröhnt Rockmusik entgegen und Eugene erwartet uns schon – hinter dem Tresen. Ein feuchtfröhlicher Abend beginnt und neben einigen Bieren bekommen wir auch einen Schnaps angeboten, der uns die Fußnägel hochklappt! Geiles Zeug – wo kann man das kaufen? Die Antwort auf die Frage sitz zwei Hocker weiter und grinst uns mit dem Gesicht eines Berserkers entgegen. Etwas angeschossen sichern wir „Eduard“ zu, dass wir gerne eine Pulle seines Verstandvernichtungsmittels „Black Rider“ erwerben möchten. Kurze Zeit später ist sein Hocker leer und wir ahnen, dass nun ein Bär von Mann auf seiner Monstermaschine durch Irkutsk knattert, um an die heimischen Vorräte zu kommen. Nach zwei Bierlängen steht er wieder vor uns, grinst, überreicht uns die Flasche und zückt, zur Feier des Geschäftsabschlusses, einen Flachmann, der nur in Relation zur Höhe und Breite als „flach“ zu erkennen ist. Somit schüttet Eduard einer Runde von 6 Leuten (uns inklusive) gut 1,5 l nach und nach aus dem Flachmann in die Schnapsgläser. Eugene tut uns etwas leid, denn dieser superfreundliche Kerl ist der einzige, der nicht trinkt und den Laden nachher eigentlich nur noch dichtmachen will. Doch es findet immer noch ein weiterer Song seinen Weg auf die Playlist, bis Eugene sich irgendwann ein Herz fasst und die Anlage stilllegt. Die Party wird kurzerhand auf die Straße verlegt und wir schnacken eine Menge und Johanna wird noch zum Tanzen aufgefordert, ehe Eugene uns in seinen Wagen bekommt, um uns nach Hause zu fahren.

Mit einem richtig dicken Kopf wachen wir am nächsten Morgen auf und katern uns durch den Tag, bis wir wieder von Sascha und Pascha hören. Wir können wieder längskommen, das Teil sei gewechselt. Yandex-Taxi und ab dafür! Ich springe auf den Fahrersitz, lasse den Motor an und es kommt, wie es kommen muss: das Knacken ist weiterhin zu hören. Den Mechanikern steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben und der Anflug von Ratlosigkeit wird durch schlagartigen Aktionismus weggewischt. Also, alle Mann unter den Wagen und alle Teile angreifen, die mit dem Allradantrieb zu tun haben und irgendwie klappern könnten. Zwischenzeitlich nehmen wir mit Roman zuhause Kontakt auf, der uns Mushi damals verkauft hatte. Roman hat unser volles Vertrauen in Sachen Autos und Mechanik, besonders wenn es um den L300 geht. Ein Glück, Roman spricht fließend Russisch! Ich übergebe das Telefon an Pascha und schon tauschen die beiden sich aus und Roman legt noch ein richtig gutes Wort für uns ein. Sascha und Pascha sind absolut gepusht und die ganze Truppe fährt an ein nahes Flussufer, um der Ursache im weichen Flussbettsand auf den Grund zu gehen.

Wir verbringen  den Abend unter dem Wagen und analysieren weiter, dass die Köpfe rauchen. Es wird empfindlich kalt und die Mechaniker versuchen alles, um die Stimmung hochzuhalten. Auch die Jungs der nebenliegenden Holzwerkstatt leisten mentale Unterstützung. Spät abends wird klar, dass es noch bis zum nächsten Morgen dauern wird und wir werden von Sascha zu Ksana gefahren. Pascha will die Nacht über bei der Werkstatt bleiben…

Am nächsten Tag ist es tatsächlich vollbracht. Das Knacken ist weg und die Ursache offenbar das getriebeseitige Antriebswellengelenk gewesen. Auch unsere Sorge über explodierte Kosten zeigt sich unbegründet, denn für die Werkstatt schien es zur Ehrensache geworden sein. Die Arbeitskosten für die fälschlich ausgetauschte Antriebswelle, die neuen Radlager (beidseitig), die neuen Freilaufnaben (russische Wertarbeit), die neu verlegte Achsentlüftung und das ausgetauschte Verteilergetriebeöl stellen sie quasi nicht in Rechnung und wir kommen mit tausend Dankeschöns und finanziell mit nur einem blauen Auge davon. Unglaublich, und auch an dieser Stelle nochmal ein riesiges Danke nach Irkutsk!!!

Nachdem diese Last von unseren Schultern gefallen ist, machen wir uns bald auf gen Mongolei, denn unser russisches Visum ist im Begriff auszulaufen. Und so fahren wir an einem wunderschönen Montag durch herbstliche Wälder wieder zum Baikal und genießen eine letzte Nacht direkt an seinem Ufer auf einer wunderschönen Landzunge.

Am nächsten Morgen nochmal ab ins klirrend kalte Nass und dann schleunigst Richtung Grenze, denn wir wollen abends möglichst in der Nähe des Übergangs sein, um am folgenden Morgen schnell den Übertritt zu überstehen. Wir kaufen nochmal tüchtig ein, denn die russische Lebensmittelauswahl überzeugt uns deutlich mehr als die der Mongolen. Das sollte anderen Reisenden, die in die Mongolei wollen, ein herzlicher Tipp sein!

Am 25.09. legen wir den bisher kürzesten Grenzübergang nach der EU hin. Nach 70 Minuten haben wir sowohl die russischen als auch die mongolischen Grenzformalitäten hinter uns und reisen wieder ins Land der Nomaden ein. До скорого свидания, Россия!

P.S.: Langsam wird’s frostig. Johanna ist von jetzt an in russische Daune gehüllt…

4 Kommentare bei „Russland – Teil 3: Der Baikalsee“

  1. Britta schumacher sagt: Antworten

    Tolle Erfahrung, die ihr da zusammen macht. Bin immer wieder begeistert von berichten und Fotos. Freue mich mit euch, dass ihr so tolle Menschen kennenlernt. Wie sang sting so schoen? The Russians have children, too.

    1. Hej Britta! Es sind jetzt noch so viele weitere Menschen hinzugekommen… Zwischenzeitlich haben ganz China durchquert und haben Laos erreicht. Jetzt ist gerade endlich mal Zeit, das Erlebte zu verdauen. Und Sting hat Recht! Allerdings haben wir hier in Laos das Gefühl auf ein deutlich reproduktiveres Volk als die Russen getroffen zu sein. Unglaublich, wie viele Kinder wir hier sehen.
      Liebe Grüße aus der Ferne!

  2. Anne Marie & Jens Peter sagt: Antworten

    Hallo Ihr Beiden
    Welche schöne Bilder und schöne Erlebnisse Ihr da mit auf Eure Reise habt.
    Liebe Grüsse aus Bov

    1. Moin Anne Marie und Jens Peter! Freut uns, dass ihr hier reinschaut! Wir müssen auch immer wieder an die schöne Zeit bei euch denken! Auch nochmal Danke dafür! 🙂 Liebe Grüße nach Dänemark!

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