Mongolei – Teil 1: „Die Reise durch den Norden“

Wieder sind zwei Wochen ins Land gegangen. Das macht die Aufholjagd mit den Berichten für unser Reiselogbuch natürlich nicht besser. Aber wir haben viel zu erzählen und wollen euch weiterhin daran teilhaben lassen.

Wo waren wir zuletzt?

Ah ja, unser Grenzübertritt in die Mongolei. Kennt ihr das auch: man bewegt sich eigentlich nur ein paar Meter über eine von Menschen erdachte Grenze und trotzdem hat man das Gefühl in eine andere Welt einzutauchen. Kennen wir das schon von dem Grenzübergang zwischen Deutschland und Dänemark in der Heimat, so trifft uns das hier noch viel stärker. Die Aufbruchslust wird allerdings jäh wieder gehemmt, da uns eine offiziell wirkende Dame 20 Meter später bereits wieder von der Straße winkt. Noch etwas gefangen im Hörigkeitsmodus des Grenzübertritts fahren wir links ran und folgen ihr in ein deutlich weniger offiziell wirkendes Gebäude, obwohl die Bezeichnung „Gebäude“ kaum hinreichend ist. Es ist ein Verschlag, der vor langer Zeit vielleicht einmal als Bauwagen über die Pisten rollte. Als Fußmatte liegt zweckmäßig ein alter Heizungskörper vor der Tür.

Drinnen ein Tisch mit einer hausfräulich wirkenden Dame, die sogleich anfängt Formulare auszufüllen und unsere Fahrzeugdokumente einzufordern. Uns wird langsam bewusst, dass es sich um den Abschluss einer Fahrzeugversicherung handelt – das hatten wir nicht wirklich auf dem Plan. Schnell gucken wir auf die Greencard unserer deutschen Autoversicherung und stellen fest, dass die Mongolei tatsächlich nicht abgedeckt ist. Naja, eine Unterschrift und ca. 25 € später sind wir wieder draußen und uns kommen auch Wolle und Lukas schon entgegen. Wir berichten und sie einigen sich, die Versicherung ebenfalls dort abzuschließen. Und sind wir mal ehrlich: jetzt noch mehr als 100 km in den nächsten größeren Ort zu fahren, um dort ggf. 5 € bei der Versicherung zu sparen und unterwegs zu riskieren, von der Polizei aufgegriffen zu werden ohne eine Versicherung vorweisen zu können… Ganz ehrlich, die Pfennigfuchserei ist manchmal einfach unnötig. Draußen fällt uns dann noch ein Hinweisschild ins Auge, das uns auf die Notwendigkeit einer Autoversicherung hinweist – sogar auf Deutsch! Stilecht wurde der im Englischen erwähnte „driver“ im Deutschen als „Treiber“ angesprochen. Willkommen im Computerzeitalter!

Nach uns trudeln noch die französischen „Tussis“ ein und die Kinder aus dem Ort werden von den vielen ulkigen Autos angelockt. Wir freuen uns über die aufgeweckten Lütten und quatschen ein wenig mit ihnen. Lukas und Wolle sind sogar richtig gut vorbereitet und haben ein paar Merch-Artikel im Auto, die sie den Kindern geben und sofort deren Herzen erobern – clever!

Nächster Stopp: Ölgii. Lukas und Wolle waren vor zwei Jahren schon einmal mit einer Uni-Exkursion in der Gegend und können noch ein wenig aus der Erinnerung schöpfen. So halten wir unterwegs noch an einem See, um (endlich) zu frühstücken (es ist fast 14 Uhr!!!) und fahren dann weiter in die Stadt mit dem Plan, dort nach Kamel- und Yakwollekleidung zu gucken. Beide brachten schon das letzte Mal etwas davon mit in die Heimat und haben nun ordentlich Knete mit auf Reisen bekommen, damit die Lieben zuhause sich demnächst die Sockenschublade mit den wohl wärmsten Socken vollstopfen können. Wir bummeln noch ein wenig über den Basar und lassen mongolisches Kleinstadtgefühl auf uns wirken. Dann trennen wir uns vorerst, sodass jeder für sich Erledigungen machen kann und verabreden uns an einem See südlich der Stadt, um dort gemeinsam den Abend zu verbringen.

Später treffen wir uns, ohne einen konkreten Punkt abgemacht und ohne untereinander den Kontakt ausgetauscht zu haben (und der See ist riesig! – ABER: einfach verabreden klappt auch heute noch, man mag es kaum glauben. Der gesunde Menschenverstand hilft halt manchmal doch noch…!). Wir finden einen traumhaften Platz direkt am See, den die Jungs ebenfalls noch von ihrer Exkursion kennen. Er liegt eingekesselt zwischen schroffen Felsformationen und hat einen langgezogenen, steinigen Strand. Wir genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit und nehmen alle noch ein Bad in diesem fantastischen See. Das Wasser ist irre klar und frisch und wir kommen in ausgelassene und sommerliche Stimmung. Als es später kühl wird, verkrümeln wir uns alle in Mushi, trinken Bier und essen in Fett gebackene Fladen, die die Jungs aus Ölgii mitgebracht haben und von denen sie schwören, dass allein diese schon Grund genug gewesen seien, um die wahnwitzige Tour im Opel Astra auf sich zu nehmen.

Am nächsten Morgen nehmen wir gleich nochmal ein Bad (wer weiß, wann man das nächste Mal dazu kommt) und brechen auf. Beim Verlassen der Senke dürfen wir noch den bisher unbenutzten Bergegurt austesten, da der Astra ausnahmsweise mal dicke Backen macht auf den letzten Metern vor der Kuppe (und Mushi kann es!!!). Als wir die Straße nach einem Stück Ödland erreichen, verabschieden wir uns herzlich, denn für uns geht es wieder nach Norden und Wolle und Lukas nehmen die südliche Route durch die Mongolei nach Ulaanbaatar. Während unserer Verabschiedung hält noch das einzige auf der Straße verkehrende Fahrzeug mit einer Vollbremsung, der Fahrer steigt aus, hetzt zu uns herüber, schüttelt uns allen ausgiebig die Hand, freut sich tierisch über die gerade gemachte Bekanntschaft, rennt zurück zum Auto und düst wieder von dannen. Alles innerhalb einer halben Minute. Diese verblüffende Erscheinung lässt nichts anderes zu: wir müssen alle lauthals lachen, freuen uns aber ernsthaft über diese impulsive Freundlichkeit.

Wir kommen wieder nach Ölgii und versuchen in der Migrationsbehörde unseren Aufenthalt im Vornerein auf 60 mögliche Tage zu verlängern. Wir hörten, man kann dies innerhalb der ersten 7 Tage machen und denken uns, das könne nicht schaden. Aber Zeiten ändern sich. Seit 2019 ist diese Verlängerung scheinbar nicht mehr machbar. Die Empfehlung der Behörden lautet hingegen, man solle einfach länger bleiben und pro Tag Verlängerung und pro Person eine Strafe von 10.000 Tugrik (das sind etwa 4 €) zu zahlen. Wir sind uns unsicher und fangen an, fest mit einer Ausreise nach Russland und eine erneute Einreise zu rechnen. Dann würden wir erneut 30 Tage Aufenthalt gewährt bekommen.

Wir begeben uns nachmittags auf eine Piste gen Osten und peilen für die nächste Übernachtung den See Atschit Nuur an. Die Strecke hat es zwischenzeitlich in sich und die durch Grader („Straßenhobel“) verursachten Rillen quer zur Fahrtrichtung lassen die Fahrt zu einem gefühlten Ritt auf einem Wellblech werden. Auf halber Strecke sehen wir schon von weitem drei Overland-Motorräder und zwei Personen stehen – kein gutes Zeichen. Einen der drei Italiener hat es erwischt – die Übertragungskette wollte der ewigen Last nicht mehr standhalten und ist (mit Nachhilfe durch einen Stein, der sich zwischen Kette und Zahnrad hat ziehen lassen) gerissen. Einer hat den Weg zurück nach Ölgii per Anhalter auf sich genommen, um Hilfe zu holen. Die beiden zurückgeblieben Italiener wirken ein bisschen unglücklich, aber das ist verständlich. Die Sonne brennt nur so vom Himmel und Schatten ist weit und breit nicht zu finden. Wir versorgen beide mit Wasser und Schokolade, die Laune wird erheblich besser. Auch wenn die Englischkenntnisse der beiden schon etwas älteren Männer wirklich sehr dürftig sind, verstehen wir uns gut und lachen viel. Der Abschied fällt italienisch herzhaft aus und wir hoffen, dass der Dritte im Bunde schnell wieder aufkreuzen wird.

Die Weiterfahrt führt an verunglückten LKW-Trailern und zahlreichen Tierkadavern vorbei, wir fahren durch große, ausgetrocknete Flussbetten und kommen gleich in den Genuss der Unbestimmtheit mongolischer Straßen. Vergesst Landkarten in punkto Genauigkeit. Die dort verzeichneten „Straßen“ sind oft nichts anderes als Richtungsempfehlungen.

Wir erreichen den Atschit Nuur, suchen uns einen abgeschiedenen Platz, um den am See siedelnden Nomaden nicht zu dicht auf die Pelle zu rücken, und haben noch einen muggeligen Abend. Der See ist uns leider ein wenig zu vermückt zum Baden.

Macht nix, nächstes Ziel soll wieder ein See sein. Durch ein kleines Gebirge soll uns der Weg zum See Uureg führen. Übrigens: der Verkehr auf der bisherigen Piste ist relativ stark. Immer wieder stoßen wir auf LKW, die selbst unfassbar überladen mit unfassbar überladenen Hängern Richtung Ölgii fahren. Heute kommen wir an einem Tagebau vorbei, in welchem das schwarze Gestein gewonnen wird, das die LKW durch die Wüste fahren. Johanna übernimmt das Steuer und jetzt geht es bergauf auf bis zu 2.700 m Höhe. Kurz bevor wir den hohen Pass erreichen, zeigt sich der Weg vor uns gänzlich zerstört. Hier scheinen Regenfälle alles mit sich gerissen zu haben und nun gibt es kein Durchkommen. Etwas weiter oben kämpft ein uns entgegenkommender LKW mit der Unwegsamkeit und quält nach einigem Hin und Her schließlich die aufheulende Maschine dazu, die eigene Last plus Anhänger durch eine abenteuerliche Ausweichpiste zu furchen. Hammer! Johanna entschließt sich, es mit dem gleichen Weg bergauf auf sich zu nehmen. Ich laufe vorweg, um nach dem besten Weg zu gucken. Als wir bei dem kritischsten Stück ankommen, kommt uns noch eine mongolische Familie in einem Nissan Patrol entgegen, Luft wird aus dessen Reifen gelassen und mit Schwung das Stück gemeistert. Der Fahrer hält, um ggf. zur Hilfe zu kommen, falls Mushi es nicht schafft. Aber, wieder mal: 4WD rein, niedrige Untersetzung und Mushi steckt es mit Leichtigkeit weg. Mushi, kleine Drecksau, richtig gut!

Oben auf dem Pass (2700m!) taggt Johanna das einzige „Verkehrsschild“ noch mit ihrer Holstein-Herzensangelegenheit und dann geht es abwärts. Wir fallen regelrecht abwärts zum See und kreuzen noch ein paar wasserführende Flüsse. Auf dem Weg gibt es eine Wasserquelle, die nach unseren Karten Trinkwasser führt. Tatsächlich finden wir heraufsprudelndes, klares Wasser und füllen unsere Vorräte auf.

Wir erreichen den Uureg und sind schier baff über die Klarheit des Wassers. Dieser See scheint auch Anziehungspunkt für Mongolen zu sein und so sind wir anfangs nicht ganz allein. Eine mongolische Familie vergnügt sich im und am Wasser, einer von ihnen angelt derweil mit einer Angelsehne und Blinker, die er gekonnt über dem Kopf kreisen lässt, auswirft und sie rückholt, indem er sie um eine Plastikflasche wickelt.

Wir lassen kurzerhand die Hüllen fallen (bis auf den Schlüpper – es waren ja Kinder anwesend!) und springen von Felsen ins kühle Nass. Macht einfach mega Spaß! Als wir uns beim Wagen umziehen, kommt die gesamte Familie an und beschaut interessiert den „Delica“. Stolz präsentiert uns der Familienvater noch einen zuvor geschossenen Bieber (wir waren natürlich „total beeindruckt“… Armes Tier. Und die Mongolen essen scheinbar wirklich ALLES, was irgendwann mal geatmet hat). Kurz darauf sind wir allein und finden noch einen optimalen Stellplatz gleich am Wasser. Johanna lässt die Drohne richtig weit ausfliegen und ich klettere auf einen nebenliegenden Berg, um die fantastische Aussicht bis hin zu den mit Schnee bedeckten Bergen des nördlichen Altai auf der anderen Seite des Sees zu genießen. Dieser Platz ist ein echter Geheimtipp!

Als es kalt wird, kuscheln wir uns in Dachzelt und schlafen ein. Halb vier Uhr nachts kommt es wie ein Donnerschlag! Mit einem Mal stößt eine Windböe in unser Dachzelt und von da an stürmt es, dass uns die Ohren klingeln. An Schlaf ist nichts mehr zu denken und wir haben ein wenig Sorge ums Dachzelt. Also packen wir zusammen und ziehen uns in Mushi zurück, ohne die Schlaffläche auszuklappen – Johanna liegt zusammengerollt auf dem Fußboden und ich auf dem zurückgeklappten Beifahrersitz. Glaubt es, oder nicht – es ist gemütlich und wir dämmern für ein paar Stunden weg.

Mittlerweile sind wir von Adrian und Roxana (aus Rumänien) angeschrieben worden, die mit ihren beiden Mädchen gerade die Welt unsicher machen, nun ebenfalls in der Mongolei sind und auf unser Gesuch nach weiteren Mitfahrern durch China aufmerksam geworden sind. Sie haben Interesse und so verabreden wir uns auf ein Treffen zwei Tage später weiter im Osten. Bis dahin müssen Johanna und ich noch ordentlich Strecke machen und so düsen wir los. Wir schießen zum Chjargas Nuur, der für sein Fischreichtum bekannt ist. Adrian hat uns einen Stellplatz am Ende einer Halbinsel empfohlen und den fassen wir ins Auge. Unterwegs wartet wieder ein Pass auf uns, der sich gewaschen hat. Oben angekommen, wartet dort neben einem großen Stupa die mongolische Familie auf uns, der wir bei Johannas Offroadaction zwei Tage zuvor schon begegnet sind. Wir begrüßen einander und freuen uns. Zur Feier des Wiedersehens schenken sie uns noch selbstgemachte Ziegenkäsetaler, deren „einzigartiger“ Geschmack uns auf der Stelle hätte umwerfen können… Mongolische Küche ist schon ein hartes Stück Herausforderung. Trotzdem zeigen wir uns natürlich dankbar und umkreisen dreimal im Uhrzeigersinn den Stupa, um die Götter für unsere Weiterreise gnädig zu stimmen.

Nach unzähligen Kamelen und der Feststellung, dass ich mittlerweile wieder selbst wie eines rieche, erreichen wir endlich die besagte Halbinsel. In der Nähe gibt es noch ein Touristencamp, was dazu geführt hat, dass bei der Zufahrt zur Halbinsel ein Müllplatz eingerichtet wurde. Sowas haben wir bislang nicht gesehen und wir freuen uns über den Anflug von gutem Willen zur Müllverwertung, bis wir bei näherem Ansehen feststellen, dass die unterste Schicht komplett verkohlt ist. So sieht hier also die regelmäßig Müllverwertung aus, na danke… Der umherliegende und -fliegende Müll ist weiterhin ein echter Dorn im Auge und wir zweifeln ernsthaft am Verstand dieses nomadischen Volks. Wir kann man derart weiterhin naturverbunden leben? Der Müll ist eine schiere anthropogene Naturkatastrophe!

Wir fahren noch etliche Kilometer, ehe wir die Spitze der Halbinsel erreichen. Die Stimmung ist unwirklich und irgendwie bedrückend. Es ist sehr warm, diesig, steinwüstenhaft und die Flur ist übersät von Knochenfischkadavern und -gerippen. Richtig Appetit bekommt man beim Anblick dieser Überreste nicht und so entschließe ich mich auch hier nicht mein Angler-„Können“ zu testen. Wir planen noch ein wenig unsere Weiterreise, essen von mir unglaublich versalzenen Reis mit Gemüse (sorry…) und genießen, dass der Abend doch noch aufklart und uns einen schönen Sonnenuntergang beschert.

Schon am Vortag sind uns die sehr guten Straßen aufgefallen, die uns plötzlich unter die Räder kamen. Doch nun rollen wir auf perfektem Asphalt durch mongolische Steppen. Hin und wieder müssen wir Bautrupps auf Nebenstrecken ausweichen, doch das ist kaum der Rede wert. Die Chinesen bringen merklich den Ausbau der von ihnen neu geplanten Seidenstraße voran. Ganze Dörfer werden entlang der Strecken errichtet, in welchen die chinesischen Arbeiter in Containern untergebracht sind. Wir kommen in ein kleines Dorf, das etwa 200 m abseits der neuen Strecke und entlang der alten Pistenstrecke liegt., und tanken Mushi auf. In 200 m sieht man schon die moderne, brandneue Tankstelle, die noch nicht in Betrieb gegangen ist. Sicherlich wird diese das Ende der zwei kleinen örtlichen Tanken bedeuten. Das Dorf macht einen ungewissen Eindruck bzgl. seiner Zukunft. Werden die Dorfbewohner die Chance nutzen können und von der neuen Anbindung profitieren, oder wird ein anderer Big-Player das Rennen ums Geld machen? Die Antwort scheint offensichtlich, denn mit echtem Wettbewerb sind die Menschen vor Ort sicher nie konfrontiert worden.

Wir halten, um im örtlichen Mobilfunknetz noch ein paar Dinge zu regeln. Ich telefoniere zum Beispiel mit der guten, alten Agentur für Arbeit, deren Mitarbeiterin mir nicht glauben wollte, als ich ihr erzählte, dass ich nicht eben mal vorbeikommen könne, da ich inmitten der Mongolei im Wagen hocke. Inzwischen wurde das Telefonat von sich um Mushi scharenden Kühen muhend untermalt. Als die Kühe anfangen sich an Mushi zu schuppern und Johanna und ich durchgeschaukelt werden, ist die Situation so absurd, dass wir einfach lachen müssen. Wir kriegen alles geregelt und nehmen es mit dem letzten Wegstück zum verabredeten Treffpunkt mit Roxana und Adrian auf uns.

Wir kommen spät an, finden jedoch nicht den roten Mercedes 310 von der rumänischen Familie. Wir finden nur russische Männer vor, die ihr erfolgreiches Angeln mit ausreichend Wodka begießen. Einer von ihnen spricht uns auf perfektem Deutsch an – er ist Anwalt aus Moskau und hat eine Speditionsfirma in Deutschland. Alter, wollen wir nochmal über Zufälle sprechen!?! Egal, er versucht uns zum Bleiben zu überreden, doch mittlerweile hat Adrian uns gefunden und kommt bergab zu uns zum Fluss gelaufen. Wir sind froh, denn wir wollen an diesem Abend über die China-Reise reden und nicht mit alkoholisierten Männern neben der jungen Familie campieren.

Wir fahren also im Dunkeln weiter und finden einen schönen Platz weiter flussabwärts. Zum Abendbrot gibt es Fisch am Lagerfeuer und wir sprechen über die Reisepläne. Roxana und Adrian haben bereits zuvor einen kürzeren China-Transit geplant mit einer weiteren Gruppe, doch haben sie damals in Kirgisistan kein Visum für China erhalten und somit waren die Pläne dahin. Sie sind auf der Suche nach Alternativen und haben zuletzt sogar konkret erwogen mit einem Frachtschiff von Wladiwostok nach Costa Rica überzusetzen. Adrian löchert uns mit vielen Fragen und wir merken, dass er sich schon sehr mit der Materie auseinandergesetzt hat und bewusst auf einige Problematiken hinweist. Wir nehmen einige Punkte auf unsere Liste der Dinge, die wir mit unserer Ansprechpartnerin von der chinesischen Agentur klären wollen.

Am nächsten Tag, einem Mittwoch, beschließen Johanna und ich kurzerhand schleunigst nach Ulaanbaatar zu fahren, um uns dem chinesischen Visum zuzuwenden. Wir fahren früh los, wollen uns aber nicht hetzen und finden immer wieder Zeit, um hin und wieder anzuhalten und Yakherden oder Geier zu beobachten. Um die Mittagszeit finden wir einen (vermüllten) schönen Platz am See unweit von einigen Jurten. Wir kochen uns einen Haufen Pasta mit roter Soße und frönen der Entschleunigung. Bei den Jurten beobachten wir einige Hirtenhunde, die uns sitzend betrachten und scheinbar „aufpassen“. Der dort lebende Nomade setzt sich bald auf sein Moped und knattert von dannen, während die Hunde ihm nochmal deutlich machen, wie gut sie auf das Heim aufpassen würden. Kaum war der Hirte hinter einer Kuppe verschwunden, setzen sich zwei der Hunde in Gange und folgten ihren Nasen zur Quelle des (natürlich sensationellen) Essensgeruchs. Wir merken, von denen haben wir nichts zu befürchten, und wir freunden uns mit ihnen an. Herrlich, denn wir müssen wirklich sagen, dass wir die Hunde, die in der Heimat um uns herum waren, richtig doll vermissen (an dieser Stelle liebste Grüße an Jule & Fuchs!). Das kriegt zumindest der mutigere von beiden zu spüren und wird durchgekrault, dass er hinten nicht mehr von vorne unterscheiden kann. Der andere betrachtet das Schauspiel interessiert von weitem, bleibt aber lieber auf Distanz. Mit einer Träne im Auge müssen wir uns jedoch irgendwann wieder vom Acker machen.

Nachmittags finden wir eine Schlucht am Wegesrand, in der sich unten ein großer Fluss schlängelt. Auch hier können wir noch ein wenig bleiben, den Ausblick genießen und ruhen. Für den Abend haben wir einen Platz in der Nähe des Taikhar Chuluu im Khangai-Gebirge gefunden. Der Taikhar Chuluu ist ein heiliger Fels der mongolischen Nomaden, der heutzutage touristisch stark erschlossen ist. Hier tümmelt sich ein „Ger-Camp“ (das sind Camps, in denen Touristen in Jurten schlafen können) neben dem nächsten. Wir fahren an diesen vorbei und in den Nationalpark hinein. Dort finden wir mal wieder einen hervorragenden Platz, doch wieder: alles ist übersät von Plastikmüll! Das regt uns hier besonders auf, denn offenbar kommt dieser Müll aus den Ger-Camps, da es sonst keine andere Quelle in der Umgebung gibt. Warum, verdammt, kriegen es nicht mal diese elendigen Touri-Camps hin, den Müll bei sich zu behalten und dafür zu sorgen, dass das eigentliche Highlight, das es zu betrachten gilt, – nämlich die einmalige natürliche Umgebung – ansehnlich bleibt. Es ist nicht zu fassen! Jeden Tag versuchen wir den Müll um die von uns aufgesuchten Plätze zu sammeln und mitzunehmen, und wenn man als Tourist in diese Ger-Camps kommt, kann man nicht einmal damit rechnen, dass die Betreiber es einem gleichtun.

Unseren Ärger trinken wir uns mit der letzten Flasche Rotwein weg und brutzeln uns an einem formidablen Lagerfeuer warm. Schön!

Peinlich, aber wahr: am nächsten Tag sind wir mit Tunnelblick fast einfach an der ehemals größten Stadt der Welt vorbeigefahren, ohne es zu merken. Von den tausenden Jurten ist in Karakorum nichts übriggeblieben und so ist Dschingis Khans ehemaliger Amtssitz heute unscheinbar und winzig. Nur die große Klosteranlage, die auf dem ehemaligen Stadtgebiet errichtet wurde, weist noch auf alte Bedeutsamkeit hin. Also, kurz Hirn an, Fuß auf die Bremse, Lenkrad herumgekurbelt und peinlich berührt in Richtung Kloster.

Auch wenn nicht mehr viel vom „großen Karakorum“ zu finden ist, der Blick auf die Klosteranlage Erdene Dsuu und die Suche nach vereinzelten Relikten vergangener Zeit lohnt sich. Im Kloster halten wir uns gut 2 Stunden auf und genießen die buddhistische Kunst. Erdene Dsuu wurde Ende des 16. Jahrhunderts als erstes buddhistisches Kloster der Mongolei am Ort des früheren Stadtzentrums von Karakorum gegründet und über 300 Jahre errichtet (es gab wohl einige Rückfälle aufgrund etwaiger Kampfaktivitäten – das hat die Bauherren jedes Mal ein wenig zurückgeworfen). Die Grundfläche der Klosteranlage beträgt 400 x 400 Meter und wird von einer großen Mauer abgegrenzt, auf denen 100 Stupas thronen. Von den zahlreichen Tempeln sind nach Stalins Einwirkung leider nur 4 verblieben, was wirklich traurig ist, denn schon von diesen 4en ist jeder einzigartig schön.

Der Tourismus wird hier als Chance wahrgenommen den Wiederaufbau zu finanzieren. Daher sind die geringen Gebühren, die man für den Zutritt zu dem innerhalb der Mauern gesonderten Bereich der Tempel zahlen muss, wirklich gerechtfertigt (10.000 Tugrik pro Touristen, das sind ca. 4 €). Nach dem Klosterbesuch suchen wir noch eine der vier Schildkrötensteine auf, die Karakorum seit jeher in alle Himmelsrichtungen bewachen. Die Vorstellung, was an diesem Ort vor ca. 800 Jahren abgegangen sein muss, lässt diesen Ort unwirklich erscheinen. Achso, einen Penisstein finden wir auch noch, welcher von vielen Mongolen zur Steigerung der Fruchtbarkeit aufgesucht wird. Na, dass das nicht noch eine Kinderüberraschung mit sich bringt…

Wir haben einige Zeit in Karakorum verbracht, sodass wir nun ein wenig konsequenter Strecke machen wollen. Wir fahren fast bis in die Nacht hinein und versuchen möglichst nahe an Ulaanbaatar heranzukommen. Soviel zum mongolischen Verkehr: er ist fürchterlich! Das merken wir mit aller Härte, denn je dichter wir an die Hauptstadt kommen, desto schlimmer wird es. Mit Glück hat man ein Auto vor sich, das hinten auch funktionierende Leuchtmittel hat, von vorne kommen einem bis in die Dunkelheit unbeleuchtet Autos entgegen, die einen anblinken, weil sie vom fremden Scheinwerferlicht geblendet werden. Hin und wieder rauscht eine aus dem vorderen Auto frisch entsorgte Plastikflasche an einem vorbei und die entgegenkommenden Wägen fahren bis kurz vor dem Zusammentreffen auf deiner Seite hübsch Schlangenlinien um die dicken Schlaglöcher. Die vielen toten Pferde und Kühe (an dem Abend zählen wir über 20 der aufgeblähten Kadaver) sprechen für den Wahnsinn, der sich hier im Dunkeln abspielt. Nachdem wir den Wagen abgestellt haben, schwören wir uns weitere Fahrten im Dunkeln in Zukunft tunlichst zu unterlassen.

Und so fahren wir an einem Donnerstag ins nächste wahnsinnige Abenteuer: in den Verkehr der einzigen mongolischen Metropolis, Ulaanbaatar.

2 Kommentare bei „Mongolei – Teil 1: „Die Reise durch den Norden““

  1. danke für diesen tollen und supergeschriebenen Reisebericht. Wünsche Euch eine gute Weiterreise und noch viele Erlebnisse, gute Fahrt,
    Gruß Marion ( GC Hofberg)

    1. Priviet Marion! Vielen Dank für deine lieben Worte, das freut uns sehr zu hören. Bald gibt’s auch für dich Post in die Heimat. Liebe Grüße vom Baikalsee, Johanna & Malte

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