Sibirien und der Altai – Teil 2

Schwupps! Schon wieder sind die Tage nur so ins Land gegangen und Teil 2 zu unserer Reise durch Sibirien und den Altai kommt erst jetzt!?! Entschuldigt, aber ihr müsst verstehen, dass das Reisen eine Vollzeitbeschäftigung ist. Und hat man mal ein wenig Leerlauf, muss auch Muße zum Schreiben da sein. Also, mal wieder in die Retroperspektive! Denn inzwischen sind wir nicht mehr im Altai, sondern bereits durch die halbe Mongolei nach Ulaanbaatar gereist…

Nun denn, wo waren wir stehengeblieben?

Ach ja – „der Morgen danach“! Nach diesem einmaligen Erlebnis raffen wir unsere Dinge zusammen und tun das, was uns mittlerweile fast schon widerstrebt: „Tschüss“ sagen. Es wird ein langes, herzliches Kundtun der Begeisterung über die schöne neue Bekanntschaft. Und dann, wir sitzen schon in Mushi, ein fernes „Stop, wait!“ und Yaroslav kommt auf uns zugelaufen. In seiner Hand ein von ihm aus einem Holzscheit selbst geschnitzter Naturgeist, den er uns mit auf die Reise gibt, damit er ein Auge auf uns hat. Ich übertreibe nicht: wir sind alle den Tränen nahe, mancher vielleicht sogar schon ein Stück weiter.

Ohne viele Worte rollen wir voran, endlos lang zieht sich die Straße. Linksseits zu uns mäandert der mächtige Fluss Ob, wir sehen herrliche Kulturlandschaften und emsige Bauern, welche die neue Woche angehen. Wir nehmen von unterwegs Kontakt zu Nikos in Barnaul auf, mit dem wir bereits von zuhause aus über ein Forum bereits Austausch gehabt haben. Nikos hat damals seine Hilfe angeboten, da er selbst vor zwei Jahren eine ähnliche Reise zu Motorrad gemacht hat und daraufhin in Barnaul sesshaft geworden ist. Viel mehr wissen wir nicht über ihn, aber wir sind an ihm und seiner Geschichte interessiert. Also verabreden wir uns mit ihm „downtown“, allerdings merken wir gerade auch, dass die Banja den Kater nicht wirklich „weggezaubert“, sondern vielmehr nach hinten verschoben hat. Egal, zusammenreißen, ne Buddel Wasser trinken und ab ins Getümmel!

Erste Überraschung: Nikos kommt nicht allein. Nikos hat als Sozius ein Mädel auf dem Sattel, die er uns gleich darauf als seine Frau Kristina vorstellt. Aha, daher weht der Wind! Wir fahren gemeinsam zu einem Restaurant, in welchem beide uns die Geschichte über ihr Kennenlernen auf seiner Reise in Barnaul erzählen und wie sie nicht nur weiterhin Kontakt gehalten haben, sondern sich sogar prompt das Ja-Wort gegeben haben. Stark! Kein Zweifel, das Reisen verändert Leben, bei manchen ist das halt mehr als deutlich. Übrigens: Nikos kommt ursprünglich zwar aus Barcelona, seine guten Deutschkenntnisse lassen sich allerdings darauf zurückführen, dass die Familie mütterlicherseits aus Hamburg/Rendsburg kommt. Nikos kennt sogar Oster- und Westerrönfeld! Johanna und ich lassen die Katerstimmung langsam hinter uns und wir kommen langsam wieder auf den Damm. Die beiden sind wirklich spannend, wir verstehen uns immer besser.

Zack! – nächste Einladung. Wir begleiten die beiden zu ihrem schönen Apartment in einer guten Wohngegend, wo Mushi sogar einen akkuraten Stellplatz findet. Zwei Katzen huschen umher, Kristinas Freundin Sophia (wohnt derzeit zum Studium in Berlin) kommt auch noch vorbei, die letzten Bierreserven werden aufgefahren (die Leber freut sich!) und wir schnacken über Gott und die Welt, aber natürlich viel übers Reisen. Spät geht es ins Bett und wir ahnen nur, was für ein Glück wir mit unserer neuen Bekanntschaft haben werden.

Barnaul – der nächste Ort, um sich der Ersatzteilthematik rund um Mushi anzunehmen. Nikos hat bereits Tage zuvor nach benötigten Ersatzteilen gefragt und Kristina scheinbar ganz Barnaul nach geeigneten Händlern abtelefoniert. Das war richtig gute Arbeit, denn binnen weniger Stunden finden wir alle Teile und später sogar eine Werkstatt, die uns zum nächsten morgen per Express einen Satz Blattfedern von der Kasachischen Grenze ordert und mit denen wir für den nächsten Morgen den Austausch sämtlicher Teile vereinbaren. Ohne mit der Wimper gezuckt zu haben, werden wir von beiden zu einer weiteren Nacht eingeladen. Den Tag über düsen wir also zu viert durch Barnaul, sehen die Stadt und haben eine schöne Kaffeepause zwischendrin. Abends haben Johanna und ich sturmfrei, während die beiden noch familiären Pflichten und Nikos Fußballsession nachgehen.

Am nächsten morgen kommt Mushi ins „Krankenhaus“, wir lernen die russische Taxi-Kultur kennen und fahren Kaffeetrinken. So lässt es sich leben! Der Arbeitseinsatz an Mushi scheint sich aber zu ziehen – die zur Abholung vereinbarte Uhrzeit verschiebt sich stündlich. Abends entscheiden wir uns nicht weiter zu sitzen uns zu warten, sondern mit Nikos ins Kino zu gehen; Kristina hat noch eine Verabredung mit ihren Mädels. Die Abholung vom Wagen verschieben wir auf den nächsten Morgen. Abends düsen wir schön mit Nikos Hymer-Wohnmobil, welches sonst in Osterrönfeld untersteht, durch Barnaul – ich sag’s immer wieder: this world is fucking small!

Endlich, wir halten den Schlüssel wieder in unseren Händen und lassen uns die gute Arbeit des Mechanikers zeigen. Die Blattfedern sind top, jedoch steht Mushi noch immer schräg. Fuck! Letzte Möglichkeit ist die Justierung der vorderen Federung. Weil wir die Spur aufgrund der gewechselten Stabilisatoren eh neu einstellen lassen müssen, fahren wir in eine High-Tech-Werkstatt und bitten gleich um Fahrwerkseinstellung. 30 Minuten, einen Gratis-Kaffee und 20 € später steht sie da: eine schnurgerade Mushi! Verdammt geil, die Odyssee findet genau hier ein Ende!

Kristina und Nikos haben sich eine Stunde zuvor ebenfalls aufgemacht in den Altai, weil sie sich kurzfristig mit ihren Nachbarn zu einem Kurztrip verabredet haben. Wir düsen gerade durch den Regen in Richtung Süden. Das Land ändert sich wieder und zwischen tiefhängenden Wolken erscheinen die ersten „richtig großen Hügel“. Abends erreichen wir das „Chemal Valley“ und schlagen das Dachzelt auf.

Dann strahlen die ersten Sonnenstrahlen von oben auf die immer noch schweren Regenwolken und der erste echte Offroad-Track der Reise steht bevor. Ich bin mächtig angeheizt und hab Bock, Johanna ist etwas skeptisch. Zurecht, wie sich später herausstellen wird. Ich habe also den „simplen“ Plan, vom Chemal Valley über einen Pass zum Chuyskiy Trakt im westlichen Tal zu „fahren“. Zwei Stunden später finden wir uns von einem Matschloch ins nächste hüpfend, einen Fluss nach dem nächsten durchquerend wieder. Die Recovery Boards zur Bergung kommen tüchtig zum Einsatz und Mushi wühlt sich – für einen Bus extrem gut – dem Pass entgegen. Aber eben sehr langsam. Und die Lust verlässt uns, als wir feststellen, dass die starken Regenfälle an den Tagen zuvor die Passzuwegung komplett zerstört haben. Nach Stunden und wiedereinsetzendem Regen entscheiden wir uns umzukehren – eine Entscheidung, die wir auch gut hätten vorher treffen können. Bzw. ich, denn ich gebe zu, dass ich bzgl. solcher Vorhaben dickköpfig und vielleicht etwas zu ehrgeizig bin. Wir wühlen uns also zurück und erreichen spät das Chemal Valley im Sonnenschein – die Belohnung für eine späte Entscheidung. Der Rückweg nordwärts durch das Tal war, wie schon der Hinweg, gesäumt von einem Meer aus Marihuanapflanzen. Das ist wie fliegen.

Am kommenden Tag fahren wir noch einmal gen Norden, um Internet zu haben und die Familie anzurufen, dann geht es auf dem Chuysky Trakt weiter südwärts – bei strahlendem Sonnenschein und einer ordentlichen Ladung Kräuterduft in den Nasen. Der Altai ist, ohne Übertreibung, eine der mit Abstand schönsten Landschaften, durch die wir je reisen durften. Diese scharfkantigen Gebirgszüge im Zusammenspiel mit sanften Mäandern des Katun, diese monotonen Graustufen des Granitgesteins durchzogen von vielfarbigen Schichten aus Schiefer und Kalkstein, die vielen Ziegen- und Schafsherden begleitet von den wenigen Altai Bewohnern. Herrlich! Die nächste Nacht verbringen wir, dem Zufall geschuldet, neben dem einzigen Solarpark, den wir auf unserer Reise durch Russland gesehen haben. Ein ca. 10 MW-Projekt, mitten im Aufbau. Das Hochplateau, auf das wir dafür mit Mushi hochgekraxelt sind, scheint auch der Ideale Ort zu sein, an dem Johanna ihre nagelneue Drohne ausprobieren kann. Ein herrliches 360°-Gebirgspanorama umrundet uns und die Abendsonne lässt den Himmel noch lange glasklar erscheinen. Die ersten Flugversuche sind noch verhältnismäßig vorsichtig, die ersten Aufnahmen hingegen schon richtige Hingucker! Es folgt eine sternenklare (und arschkalte) Nacht, die wir jedoch tiefschlummernd überstehen.

Bis, ja bis dann am kommenden morgen ein UAZ-Offroader uns weiträumig umkreist. Mit Blick aus dem Dachzeltfenster muss ich noch ein wenig schmunzeln, als ich der noch halb schlafenden Johanna schildere, wie dort zwei Typen aussteigen, um zahlreiche Bilder von uns und dem Panorama umher zu machen und der eine wie ein Musketier in Outdoorklamotten anmutet, wie er da so steht in seinen Angler-Watstiefeln. Sie diskutieren kurz, holen etwas aus dem Auto und schreiten zielbestimmt rasch auf uns los. Auf einem riesigen Plateau. Wo sonst nix anderes steht. Naja, da scheint kein Zweifel zu bestehen, die wollen was von uns. Während wir noch nicht so richtig sicher sind, ob wir vielleicht nicht doch mit mehr als nur den Schlüppern angezogen hinuntersteigen sollen, unterbreitet d’Artagnan uns bereits in vorzüglichem Englisch, er wolle uns eine Köstlichkeit aus den hiesigen Wäldern Russlands zum Geschenk machen und uns weit Gereisten einfach mal „Hallo“ sagen. Hosen an, Hemd an, Schuhe irgendwie an… nachdem wir aus dem Zelt gefallen sind, fallen von uns auch die anfänglichen Sorgen ab, es könnte der Landeigentümer sein, dem wir uns da etwas aufgedrängt haben. Denis und Elija stellen sich als überaus herzliche und lustige Kumpels aus Nowosibirsk heraus, die gerade „da drüben irgendwo im Tal“ ihr Zelt aufgeschlagen haben und des Morgens mal eben (erfolglos) fischen gegangen sind. Nachdem unsere Hirnströme langsam Fahrt aufgenommen haben quatschen wir herrlich mit beiden und lachen viel. Das Mitbringsel sind im Übrigen Pinienzapfen, deren herrlichen Kerne uns noch lange glücklich knabbern lassen werden. Sie geben uns sehr nützliche Reisetipps für den Altai und dann holen sie, weil ihnen auch noch tolle Angelplätze in der Mongolei einfallen, den Angelkoffer herbei, um uns noch einen großen Blinker für eben diese Plätze zum Geschenk zu machen – sie würden ja ohnehin in der nöchstnicht in die Mongolei fahren und ihn daher nicht brauchen. Wow! Ein paar Fotos später und nach Austausch der Kontaktdaten (Denis ist Physiker und sehr bzgl. der Thematik Energiewende interessiert), zischen die beiden wieder ab, denn „da drüben irgendwo im Tal“ würde noch Elijas Vater auf sie warten.

Wir müssen dieses imposante, herzliche Schauspiel erstmal sacken lassen und stehen noch eine Minute, um ihnen nachzuschauen. Dann gehen wir ums Auto und… der Angelkoffer und die Thermoskanne! Beides haben die beiden glatt stehen lassen. Shit, und wir haben kein Netz, um sie zu kontaktieren. Bevor wir die Sachen irgendwo im Gelände verstecken können, um ihnen später die Koordinaten zu schicken (Geocaching ist so geil!), kommen die beiden die Piste wieder hochgedüst und schenken uns nach Übergabe der Sachen noch 2 kg Pflaumen aus dem Nachbarort. Dann fahren die beiden von dannen, doch wir werden sie nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Next stop: Katu Yarik Pass. Doch wir dödeln so langsam unserem Ziel entgegen, dass wir schon ahnen: das wird heute nix mehr. Gerade sitzen wir an einem Flussufer, unsere Stinkemauken ins Wasser haltend, da hupt es von der Straße zu uns herab und Nikos ruft unsere Namen. Zusammen finden wir mit Kristina und Nikos etwas weiter flussabwärts einen herrlichen Stellplatz, an dem wir den nahenden Abend und die Nacht mit gutem Essen und viel Wein verbringen. Das von uns mühsam zusammengesuchte Brennholz (5 Reisigzweige und 1 unzerstörbarer Baumstamm) wollen komischerweise nicht so richtig miteinander harmonieren und so halten uns die zahlreichen Versuche den Stamm am Brennen zu halten mehr warm als die Flamme selbst. Trotzdem, ein wunderschöner Abend mit einem darauffolgenden traumhaften Morgen im Angesicht der ersten Gletscher im Süden.

Wir drücken uns wieder mal herzlich zum Abschied und sagen uns „auf Wiedersehen“, denn das wollen wir auf jeden Fall: die beiden wiedersehen, egal ob im Rahmen eines Familienbesuchs von Nikos in Norddeutschland, oder wieder in Barnaul. Die beiden haben Großes vor für das kommende Jahr. Vor kurzem haben sie ein Grundstück in Barnaul erworben, auf welchem sie sich ihren Traum verwirklichen wollen und vorerst einen Campingplatz und später auch eine Art Guesthouse in Betrieb nehmen wollen. Für Overlander und Altai-Reisende. Wir wünschen euch ganz viel Glück, Spaß und Erfolg!!!

Unsere Reise geht nun weiter abseits des Chuysky Trakts und wir biegen in einen Weg in Richtung Osten, zum Katu Yarik Pass. Diese Pass-Straße ist einmal unter eine der zehn gefährlichsten Straßen der Welt gewählt worden. Mal sehen, ob Mushi sich in Anbetracht der Kulisse in die Karosse macht. Auf diesem etwa 60 km langen Wegstück zum Ziel erlebten wir genau zwei fantastische Dinge entlang der unfassbar hubbeligen Piste: Zum einen ein herrliches Bad in einem der Gebirgsseen (war dringend notwendig!!!) und zum anderen die Mitnahme unserer ersten Tramperinnen. Barbara und Katharina sind Cousinen, kommen beide aus Nürnberg und sind nur zu bewundern für ihre Leichtfüßigkeit. Zwei junge Mädels inmitten der Weiten Russlands, der Schroffheit des Altai. Wir verstehen uns herrlich, lassen uns etwas Zeit mit dem schlechten Weg und picknicken ausgiebig, um die allseits leeren Mägen zu befriedigen. Mal am Rande: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich wildfremde Menschen – die einen aus Flensburg, die andere aus Nürnberg – irgendwo im russischen Altai treffen und aufgrund einer ähnlichen Ausbildung beide auch noch ein und dieselbe Person kennen, die obendrein auch noch in den Niederlanden lebt? An dieser Stelle einen lieben Gruß an Samuel! Am Abend erreichen wir unser Ziel und schlagen unser Lager direkt oberhalb der Hänge des Katu Yarik auf. Zu uns gesellt sich noch eine Truppe junger Kunststudenten aus Krasnojarsk, die sehr interessiert mit uns in Gespräch gehen. Wir haben – mal wieder – einen tollen Abend beim Lagerfeuer.

Spät geht es ins Bett, früh stehen wir auf und alle machen sich unterschiedlich auf: Barbara und Katharina starten zu Fuß auf einem Gebirgspfad ins Tal, um nach Norden zu reisen, die Kunststudenten belassen es bei einem Blick von oben auf die Hänge des Passes und fahren zurück in Richtung Aktasch und Johanna und ich trauen uns mit Mushi hinab ins Tal. „Immer loongsom und behuudsom!“. Wir müssen zugeben, der abenteuerliche Flair des Unterfangens verblasst etwas, als uns die ersten Russen in ihren rostigen Zweirad-Ladas entgegenkommen, aber wenn man sich mal vor Augen führt, was ein Russe mit seinem Lada alles bewerkstelligen kann, dann können wir jetzt trotzdem stolz sein auf Mushi. Denn: Null Problemo! Bis auf, dass wir auf Mushis Bremsscheiben Eier für 100 Leuten braten könnten, merkt man ihr nix an. Stellplatz am Fluss aufgesucht, Drohne steigen gelassen (…ist tatsächlich einfach irgendwie geil! Dass ich das mal zugebe…) und einfach mal die Seele baumeln lassen. Aktasch erreichen wir abends ohne erwähnenswerte Zwischenfälle bei bestem Wetter. Ah, ganz vergessen: die Passstraße hinauf sind wir mit Mushi fast noch schneller gefahren, als bergab.

Abends kurven wir wieder auf der „Hauptstraße“ des Altais weiter südwärts und fahren eine Trinkwasserquelle an. Wer fährt uns da über den Weg? Denis und Elija, diesmal mit Elijas Papa. Sie kreuzen nach einer ausgiebigen Wanderung noch durch den Altai und planen einen Ausflug auf ein verlassenes Hochplateau, zu dem sie uns herzlich einladen. Wir sind allerdings tierisch im Sack und müssen ablehnen. Heute sieht Denis übrigens nicht aus wie d’Artagnan, viel mehr erinnert seine Aufmachung an einen Freibeuter, der vor Abenteuerlust kaum das Auslaufen aus Port Royal erwarten kann. Daraufhin kehren wir auf einem herrlichen Panoramaplatz ein. Von diesem Hügel sehen wir auf den höchsten Teil des Altaigebirges. Es kommt zwar noch ein älterer Herr und wir müssen fast 4 € für die Übernachtung berappen, da es sein Land sei, aber naja – das gute Wetter und die tolle Sicht sind es uns wert. Einzig ein paar völlig beschränkte Instagram-Jünger machen scheinheilige Drohnenvideos von sich in irgendwo abgeguckten Yoga-Posen oder auf Mountainbikes ohne sich wirklich durchs Gelände zu bewegen. Instagram spielt in Russland eine ganz große Rolle und das hier Erlebte lässt uns weiter an dem Verstand einer ganzen Generation zweifeln. Was ein Scheiß, aber wir versuchen, uns die Stimmung nicht verhageln zu lassen und schon bald reicht das wunderschöne Licht der untergehenden Sonne nicht mehr für die Hochglanzfotografien aus und die Pussies verschwinden in ihre Hotels. Pff… Wir nutzen die später geschenkte Ruhe für ein paar Niederschriften, machen wieder mal Feuer (diesmal mit Zedernholz – das duftet so schön!), essen was Feines und hüpfen ins Zelt.

Mit der aufgehenden Sonne lassen nun auch wir die Drohne nochmal steigen, denn dieser Ort drängt sich dafür regelrecht auf. Aber wir schwören: keine Yoga-Posen, kein Mountainbike und Instagram muss schon Glück haben, wenn es etwas davon sehen darf!!! 😉 Johanna ist schon etwas mutiger und nun fliegt die Drohne 120 m über uns bis in 800 m Entfernung. Uns wird klar, dass ein Fernglas eine gute Ergänzung zur Drohnenausrüstung wäre, wo die Reichweite laut Papieren mindestens 4 km (!!!) beträgt – und wir jetzt schon keine Peilung mehr haben, wo der Brummer eigentlich ist. Egal, das Bild auf dem Display ist atemberaubend! Wir „schicken die Drohne heim“ und das Gerät landet wenig später zentimetergenau auf dem Startplatz. Technik, die begeistert!

Wir beschließen heute Abend bis in die Nähe der Russisch-Mongolischen Grenze zu fahren und setzen die Segel. Gut 20 km vor dem Grenzübergang biegen wir von der Straße und fahren durch die mittlerweile wieder umgebende flache Steppe in eine seichte Hügellandschaft, um außer Sichtweite von der Straße zu kommen. Wir sehen schon früh, dass wir nicht ganz allein dort sind. Neben sehr vielen Kühen reitet dort auch ein Hirte mit einem Hund an seiner Seite über die Hügelkuppen, um sein Vieh zusammenzusuchen und nach dem Rechten zu sehen.

Wir fallen natürlich sofort auf und gleich nähert sich uns der Reiter. Johanna und ich haben uns für die weitere Reise vorgenommen in solchen Fällen ein freundliches Lächeln aufzusetzen, den ersten Schritt zu machen und das Wort mit einem gut gelaunten „Hello!“ zu ergreifen. Gesagt, getan und alles richtig gemacht. Wir können uns zwar sprachlich nicht verständigen, allerdings erfahren wir trotzdem, dass „Assan“ mit seinem Hund ohne Namen auf der Suche nach etwa 50 weiteren Kühen ist. Assan hat keinen großen Hunger auf unsere angebotenen Kekse, aber dann fragt er nach einem Schluck Wasser und wir sind glücklich, ihm eine Flasche von unserem frisch abgefüllten Quellwasser geben zu können. Assan ist glücklich, richtet nochmal seinen Sattel und wirft einen sorgfältigen Blick auf sein Pferd. Dann schwingt er sich in den Sattel, verneigt sich mit der Hand auf dem Herzen, wir verabschieden uns und Assan reitet los. Kurz zeigt er seinem Hund an, dass es losgeht, schon wirbeln sie eine Staubwolke auf und rasen im Galopp davon, Assan jauchzt schreiend und lässt sein Pferd noch mehr beschleunigen. Alter Schwede, das war ein richtiger Hingucker, dieser Abgang! Vielleicht ein bisschen Schauspiel für uns, aber es hat gewirkt: wir sind schwer beeindruckt und ergriffen von diesem Bild. Den Abend über lassen wir uns noch ein wenig von den um uns lebenden Gelblemmingen beschimpfen und schlafen früh ein, denn der Wecker wird früh klingeln. Denis hat uns von dem langwierigen Prozedere an der Grenze erzählt und wärmstens empfohlen früh dort zu sein.

Als wir um 06:30 Uhr auf die Grenze zurollen, sind wir nicht die Einzigen wartenden. Klar, zwei oder drei LKWs und ein paar Mongolen auf Heimreise, aber vor allem ein ganzer Schwung Mongol Rallyisten. Schweden, Russen, Briten. Geschlafen wird entweder in den lädierten Karren oder aber auf dem nebenliegenden Sandplatz im Zelt. Wir gucken uns die faszinierenden Gefährte an und setzen uns wieder in Mushi, um es uns gemütlich zu machen, denn schließlich wird die Grenze erst um 09:00 Uhr öffnen. Kurz darauf landet schon der nächste Wagen hinter uns, dessen Insassen sich ebenfalls anschicken einen Ortskontrollgang vorzunehmen. Wir lernen so Wolle und Lukas aus Bayern kennen, die auch an der Mongol Rallye teilnehmen und fesselnd von dem bisher Erlebten mit ihrem Opel Astra erzählen. Deutsche Wertarbeit! Gut, der Hobel sieht nicht mehr ganz fabrikneu aus, aber für fast 15.000 km durch Europa und Zentralasien – quite impressive! Nachdem die beiden zuerst bei uns im Wagen Platz genommen haben, um der Morgenfrische zu entfliehen, begeben wir uns wenig später in erwachende Getümmel. Es kommen immer mehr Rallyisten. Mit einigen kommen wir ins Gespräch und hören uns die abenteuerlichen Geschichten an. Hier gibt es einige spannende Persönlichkeiten zu treffen. Gut, die Mongol Rallye ist heute vielleicht nicht mehr das Gleiche, wie früher, denn es gibt auch die Teilnehmer, die eben erst nach der Schule von Mama und Papa los sind, wie kleine Mädchen aussehen und sich auch so verhalten. Aber Gott sei Dank gibt es unter den Teilnehmern auch noch echte Abenteurer, die tatsächlich Lust auf Länder und Leute haben, ohne dem Drang nach Profilierung ständig zu erliegen.

Um 09:00 Uhr öffnet das Grenztor zum ersten Mal, lässt aber lediglich eine geringe Anzahl an Autos durch. Einige Unverbesserliche drängeln sich tatsächlich an der mittlerweile über 100 m langen Warteschlange vorbei und am Tor geht es manchmal hitzig zu. Wolle, Lukas, Johanna und ich beschließen später gemeinsam den ersten Tag in der Mongolei zu verbringen und irgendwie kriegen wir es tatsächlich hin, gemeinsam um 10.30 Uhr durch das Tor zu kommen. Ich glaube, der blaue Astra hat da etwas nachgeholfen und sich gerade noch so hineingeschummelt. Zollformalitäten werden geregelt, das „Handgepäck“ geprüft und die Personalien werden festgestellt. Vor uns ist eine mongolische Großfamilie mit unfassbar viel „Handgepäck“. Die Ältesten des Familienclans sind zwei steinalte Frauen mit unglaublichen Gesichtern, die wettergegerbt und von Falten durchzogen sind, von denen die eine sicherlich um die 100 Jahre alt ist und noch für einen echten Knaller sorgt: eine russische Grenzbeamtin, die sicher noch nie von „Spaß“ gehört hat, nimmt die Gesichtskontrollen vor. Ihr Blick wandert vom Passfoto hoch zum Gesicht der Alten. Einige Sekunden betrachtet sie die ca. 100-Jährige und stellt ein paar Fragen. Wir sehen nur, wie die Dame immer bejaht und kurze Zeit später durchgelassen wird. Dann kommt die zweite alte Dame, gleicher Vorgang. Doch die ist auf einmal irritiert und korrigiert die russische Beamtin. Der verlesene Name scheint nicht ihrer zu sein. Einer der Männer der Familie schaltet sich ein und stellt fest: die alten Damen haben ihre Pässe vertauscht. Das ist der Grenzbeamtin aber nullo aufgefallen und auch die 100-Jährige wollte sicher einfach nur fertig sein. Großes Gelächter, nur nicht bei der Grenzerin und beide Damen müssen sich erneut ihrem kritischen Blick stellen. Eigentlich ein geiler Moment für dumme Sprüche, aber das Setting hat es uns dann doch verboten…

Anschließend wird unser Wagen inspiziert. Die russische Kontrolleurin ist wirklich sehr genau, ich sabbel aber stetig auf sie ein und zeige ihr belanglose Dinge, in der Hoffnung nicht den ganzen Wagen, sowie die Dachbox ausräumen zu müssen. Oder im blödesten Fall das Dachzelt vorführen zu müssen. Als sie immer noch weiter gucken will, zeige ich ihr ohne Umschweife eine Packung Kondome und sie zieht sich peinlich berührt zurück. Ihr seht, es gibt mehr als nur einen guten Grund für solches Gepäck! 😉

Johanna muss übrigens die ganze Zeit außerhalb des Prüfbereichs warten, denn allein der Fahrer hat alles zu verantworten… Lukas und Wolle werden mit uns gleichzeitig fertig und wir düsen ab. Über 20 km Niemandsland, wüste Umgebung, wüste Straße. Kurz vor dem mongolischen Posten werden wir von einem „hochmotivierten“ „Offiziellen“ „desinfiziert“ (drei unserer Reifen kriegen einen Fliegenschiss Desinfektionsmittel ab und wir zahlen 100 Rubel) und fahren vor in den Zollbereich. Eine wirklich nette (diesmal ernsthaft gemeint!) mongolische Grenzbeamtin wirft einen kurzen Blick auf unseren Wagen, schätzt uns als ungefährlich ein und rät uns zu Eile, um noch vor der nächsten Beamtenpause durchzukommen. Richtig gut, denn wir tun wie uns geheißen, geben ordentlich Gas mit den Formularen und fliegen nur so durch die nächsten Prüfvorgänge, denn alle dort Beschäftigten hatten nur noch im Sinn: endlich den Stift zur Mittagspause fallen lassen zu können. Wir können unser Glück kaum fassen und unterqueren noch eine Schranke.

Moin Mongolei!

4 Kommentare bei „Sibirien und der Altai – Teil 2“

  1. Ach, macht es Freude, euren Blog zu lesen!

    1. Danke, liebe Silke! Wir freuen uns, dass du den Weg zu unseren Reiseberichten gefunden hast. Herzliche Grüße aus Ulaanbaatar, Johanna & Malte

  2. Hallo Ihr Beiden, tolle Bilder, tolle Geschichten! Ich wünsche Euch weiterhin so schöne Begegnungen mit Menschen und Fahrten durch beeindruckende Landschaften! Macht’s gut und genießt diese ganz besondere Zeit! Liebe Grüße von Astrid

    1. Moin Astrid! Vielen Dank dir! Begegnungen haben wir gerade täglich neue. Und auch die Landschaften sind im ständigen Wechsel. Derzeit sind wir am Baikalsee unterwegs und dieser hält, was er verspricht! Es ist unfassbar schön hier! Liebe Grüße aus Irkutsk!

Schreibe einen Kommentar