Sibirien und der Altai – Teil 1

So, long time no writing… Wir waren zuletzt etwas verschollen in den Bergen des wunderbaren Altai. Nun müssen wir einmal aufholen, um euch irgendwie zu vermitteln, was in den vergangenen 14 (!!!) Tagen (verdammt, das ist ein halber Monat!) passiert ist. Es kann leider nur ein kurzer Abriss sein, bei dem wir der vielen Schönheit und Herzlichkeit Russlands nur wenig gerecht werden können.

Wie zuletzt schon „angeteased“ stoppen wir zunächst auf „einen Kaffee“ bei Roman und seiner Familie (also seiner Frau Ksenia und seinem Sohn Misha) in Tjumen. Nach einem netten Abend in der Stadt und darauf folgenden Tech-Talks über Delicas (so werden die Mitsubishi L300 und L400 hier uni sono genannt) werden wir dann doch auf eine Übernachtung eingeladen, die wir nicht ausschlagen können.

Einladung von Roman und seiner Familie in Tjumen

Allein eine warme Dusche klingt ja schon vielversprechend. Am folgenden Tag machen wir uns mit Roman auf in die Stadt zu einem Autoteilemarkt, um nach einem Ersatz für die hinteren Blattfedern von Mushi zu gucken. Eine Stunde später finde ich (Malte) mich mit Roman vor seiner Garage (2. Stock eines altertümlichen Garagenkomplexes – abenteuerlich) unter Mushi liegend wieder. Die Ernüchterung kommt bereits nach der ersten ausgebauten Feder: die Federn für den russichen Wolga passen nicht. Also alles retour, aber macht nichts – dazugelernt habe ich trotzdem. Abends sind wir noch auf einen Spaziergang in Tjumen entlang der Flusspromenade eingeladen und uns wird die Stadt von der allerbesten Seite gezeigt. Es ist beeindruckend schön hier und die Stadt brummt vor jungem Leben. Skater, Straßenmusiker und junge Familien an jeder Ecke.

Ebenfalls abends geht es für uns auch weiter in Richtung Omsk, jedoch mit frühem Stopp (aufgrund der Dunkelheit) bei einem öffentlichen Bad, das von einer heißen Quelle gespeist wird. Wir haben davon gelesen, dass dort „Camping“ möglich sei, also entschließen wir uns diesem Angebot zu folgen und nicht wieder selbst auf Platz-Jagd zu gehen. Mit ein paar interessanten russischen Campern, jugendlichen Mondsüchtigen und gestrandeten Truckern um uns herum, fallen uns nach einem langen Tag langsam die Augen zu… 08:00 Uhr früh am Morgen – die „sanften“ Klänge der scheppernden Musikanlage eines LKW auf der anderen Seite des neben uns liegenden See schmeißen uns zu „Oga Loga Maya“ (was auch immer das für ein Song ist, er ist schrecklich!) aus den Federn. Der Trucker hat sich wohl gedacht, es wäre besonders schön zu seiner Lieblingsmusik in den heißen Quellen schwimmend in den Tag zu starten und am besten alle daran teilhaben zu lassen. Nun ja, dann folgen wir den verheißungsvollen Klängen und raffen uns auf für ein Bad in den Quellen. Könnte schlimmer sein, oder? Jep, könnte es und kann es! Das Bad ist eigentlich nichts als eine Kuhle im Boden, ausgelegt mit Teichfolie, in welchem ein Loch im Boden warmes Wasser undefinierbaren Ursprungs heraussprudelt. Das Wasser so dreckig, dass man in dem nabelhohen Wasser gerade mal den oberen Bund der eigenen Badehose erkennen kann. Zuerst sind wir ganz für uns und können uns noch über das zum Schreien komische Ambiente amüsieren. Hier ist definitiv in den vergangenen 30 Jahren nichts weiter passiert, als dass eine LED-Anzeige, die in Laufschrift wahrscheinlich die Baderegeln kundtut, installiert wurde. Unser etwas gruseliger Ausflug findet in dem Moment ein jähes Ende, als ein Pulk an Badelustigen erscheint, die sich in die lauwarmen Fluten schmeißen ohne sich vorher gewaschen zu haben. Vornehmlich sind es alte Leute, die ihren Genuss durch Einsaugen und Wiederausspucken des Brackwassers zeigen. Die Krönung ist dann ein schmuddeliger Trucker, der sich einfach nur seiner Oberbekleidung entledigt und mit seiner verbeulten und fleckigen alten Unterhose bekleidet erst eine elegante Arschbombe ins Becken vorführt, um sich dann auf das ominöse Loch im Boden zu setzen, um seine Genitalien zu umspülen und die Klabusterbeeren am Allerwertesten loszuwerden. Schnell raus!

Man achte auf den Truckerfahrer im Hintergrund…einmal alles sauber spülen

Die Weiterfahrt treten wir schnell an und düsen weiter Richtung Osten. Unterwegs, verrät uns unser Telefon, wartet in einem kleinen Ort am Wegesrand eine Trinkwasserstelle darauf, unsere verbrauchten Trinkwasserreserven wieder aufzufüllen. Wir kommen in den Ort und fahren ein kleines Häuschen an. Aus einem winzigen Fenster guckt eine alte Babushka hinaus und klöönt mit einer Bekannten. Wir kommen näher und fragen nach Wasser. Zahnlos lächelnd zeigt sie auf einen Schlauch, wir stellen unseren Kanister darunter und die alte Frau dreht den Hahn in ihrem Häuschen auf. 15 Liter später schaut sie auf die Wasseruhr und berechnet uns ca. 40 Cent. Nach einem freundlichen (aber unverständlichen) Schnack verabschieden wir uns und freuen uns über dieses kleine Erlebnis. Der Tag endet dann relativ unaufgeregt an einem schönen Platz hinter Omsk, den uns auch unser kleiner Campingführer zum Wildcampen empfiehlt. Besonders wenige Mücken seien hier zu erwarten. Weit gefehlt, so schlimm wie hier war es schon lange nicht mehr. Am nächsten Morgen wurden wir entlohnt mit dem Anblick einer vorbeilaufenden Herde aus Kühen, Pferden und Schafen.

Danach heißt es wieder mal „Strecke machen“. Wir haben uns ein besonders ehrgeiziges Ziel ausgesucht und wollen einen Campingsplatz an den westlichen Ufern des Flusses Ob anfahren. Damit haben wir uns auch entschieden die große Stadt Nowosibirsk zu umfahren. Wir machen uns also eine große Kanne Kaffee und rollen los. Endlose Straßen, unzählige Baustellen. Einmal fahren wir in einen Stau hinein und es gibt kein Vor und Zurück mehr. Uns ist schon vorher aufgefallen, dass die russische Infrastruktur keinerlei Redundanz bei der Route zulässt: es gibt immer nur die eine Straße und dabei bleibt es auch. Daher sind in Russland auch seltenst Umleitungen zu entdecken. Wir entscheiden uns dennoch für einen sehr großen Umweg, den wir auf einer Karte ausmachen, alleine deswegen, um das Gefühl zu haben voranzukommen. Wir bilden uns ein alles richtig gemacht zu haben und kommen schon bald an der Weggabelung an, an welcher wir uns für den viel kürzeren Landweg zu unserem gewählten Ziel entscheiden. Die darauf folgenden 3,5 Stunden quälen wir uns dann auf einer nicht enden wollenden 150 km langen Piste zum Ziel. Wir wissen nicht, womit die dort lebenden Menschen eine dermaßen demolierte Straße verdient haben. Zu allem Unnütz bricht während der Fahrt auch die Dunkelheit und dichter Nebel über uns herein. Zum ersten Mal kommen die Zusatzscheinwerfer zum Einsatz und ich freue mich über die Kaufentscheidung. Um halb zwölf Uhr nachts erreichen wir den abgelegenen Campingplatz. Totenstille. Wir brauchen einige Anläufe, um den richtigen Weg zur Campingfläche ausfindig zu machen und stehen kurze Zeit später vor einer der verdunkelten Hütten. Plötzlich erscheint Taschenlampenlicht und ein Bär von einem Mann steht in der aufgeschlagenen Tür der Hütte. In Unterhose. Ups, da haben wir wohl jemanden geweckt, schnell Motor und Licht aus und raus, um uns zu entschuldigen. Nach kurzem Grummeln seinerseits und demütigen Gesten und wildem Geplapper unsererseits verschwindet er für einen Moment drinnen, um im nächsten Moment, in russichem Camouflage gekleidet und mit uns im Schlepptau, uns unseren Platz zuzuweisen. Er ist zum Glück etwas munterer als zuvor, nun sogar etwas zum Scherzen aufgelegt und demonstriert uns seine bescheidenen Deutschkenntnisse. Aber nun, schnell umparken, Dachzelt aufstellen und alle Mann ins Bett.

Was für ein Fleckchen Erde wir da doch gefunden haben! Der Platz liegt auf einer Anhöhe nordwestlich einer Flusschleife, die den Ob an dieser Stelle wie einen riesigen See aussehen lässt. Die Sonne strahlt uns entgegen und um uns herum sind gigantische Wildblumenwiesen. Yaroslav und seine Frau Thelma sind emsig dabei alles am Laufen zu halten. Diesen Platz gibt es erst seit vergangenem Jahr, doch es sind schon eine Hand voll Hütten zur Vermietung entstanden und zum weiteren Angebot soll im nächsten Jahr auch ein von Yaroslav gebauter Spielplatz gehören. Wir genießen einen herrlichen Sonnentag und lassen einfach mal die Seele baumeln. Wir lesen, schreiben und gehen im Fluss schwimmen. Herrlich! Am späteren Nachmittag kommt Yaroslav auf uns zu, um uns mitzuteilen, dass abends ein paar Freunde unter der uns gegenüberliegenden Laube zum Essen zusammenkommen wollen. Wir bieten an uns umzustellen – zum einen, um die Gruppe nicht zu stören, zum anderen haben wir keine große Lust auf Gesellschaft und wollen gerne für uns allein sein. Doch er versichert, dass es eine ruhige Runde würde und alles kein Problem sei.

2 Stunden und eine Einladung später finden Johanna und ich uns an einem zum Brechen gefüllten Esstisch wieder. Drei Armenier, eine aufgebrezelte Russin, zwei junge Russen in Angellaune, Yaroslav und Thelma – alle in feierlicher Trinklaune. Auch wir haben alles mitgebracht, was unser Bus hergibt – vor allem Alkohol. Denn mit unserem vegetarischen „Fraß“ kann die Truppe sicher nichts anfangen. Die haben den Schaschlick auf dem Grill zum Verkohlen heiß gebraten und natürlich (die erste Flasche…) Wodka auf dem Tisch. Und wir können nicht anders: wir lassen uns von dieser guten Laune und Geselligkeit anstecken. Yaroslav wird mit jedem Wodka und Prosit „Dobre Vietsche!“ immer besser im Englischen und übernimmt für den Abend die Rolle des Übersetzers. Später kommt noch meine Guitalele an den Tisch, Johanna trägt mittlerweile auch Camouflage (die alte Militärjacke von Yaroslav) und wir feiern und singen. Trotz enormer Verständigungsschwierigkeiten sind wir uns unserer Sache an diesem Abend alle einig und lassen es krachen, dass sich die Balken biegen.

Nach acht (!!!) Flaschen russichem Wodka, einer Flasche armenischen Cognac und unserer Flasche Gin ziehen wir um zum Feuer, ein Auto wird herangeholt und die armenische Musikbox nimmt Fahrt auf. Jetzt kommt es zum Selbstgebrannten. Treffsicher feuern Johanna und ich jeden nun folgenden Kurzen über unsere Schultern und nehmen dafür umso lieber die frisch zubereiteten Mitternachtssnacks an. Danach heißt es Rückzug und es geht für uns ohne viel Tamtam in die Falle…

Es sind diese Morgen nach langen Nächten… Noch leicht sediert wachen wir auf und können noch nicht recht glauben, was ein paar Stunden zuvor passiert ist. Der erste Blick aus dem Dachzelt heraus verrät uns, dass wir entweder wirklich geträumt haben oder aber jemand schon fleißig alle Beweise vernichtet hat. Unsere Wodkafahne lässt schnell auf Zweiteres schließen. Wir stehen auf und uns begrüßt Yaroslav, der draußen auf seinem Sessel sitzt, Tee trinkt und ein paar Musikvideos auf seinem Tablet schaut. Er raucht genüßlich, strahlt uns an und fragt uns nach unserem Befinden. Wir sind noch unentschlossen und entsprechend zurückhaltend mit unserem Urteil. Yaroslav deutet auf die entfernteste Hütte und wir bemerken, dass Rauch aus dem Kamin steigt. Mit nun wieder sehr gebrochenem Englisch und immer wieder einleitenden russichen Phrasen vermittelt er uns nun begeistert, er habe für uns die Banja, also die russiche Sauna, in Gang gesetzt, um uns so später wieder auf den Damm zu bringen. Wir wissen nicht so recht, ob wir uns freuen sollen oder nicht, tun es dann aber doch, hat er sich doch sichtlich so früh so viel Mühe gegeben. Meine Erfahrungen mit Sauna und Alkohol waren bislang nicht gerade prickelnd, jedoch bestehen diese jedes Mal aus gleichzeitigem Genuss, nicht jedoch Saunieren zwecks Rehabilitation. Okay, nützt ja nix, schnell noch abfahrbereit machen und das Dachzelt zusammenbauen (der Regen naht schon) und ab ins Schlepptau von Yaroslav, raus aus den Klamotten, rein ins Handtuch und ab in den „Ofen“. Yaroslav bleibt in seiner Rolle als „Banjameister“ bekleidet und gießt zuerst nochmal tüchtig auf. Uns bleibt die Luft weg. Mit vorbereiteten Büscheln aus Birkenzweigen, die er zuvor in kochendheißem Wasser getränkt hat, fängt Yaroslav an uns zu beträufeln. Die Regel besagt hierbei eindeutig, dass die Frau vor dem Mann „behandelt“ wird. Schon wird Johanna auf dem Bauch liegend von Yaroslav mit dem Birkenbusch von oben bis unten bearbeitet. Soll heißen: er peitscht sie regelrecht durch und brabbelt dabei ein russisches Mantra, aus dem vereinzelt Worte wie „Banja“ oder „Wodka“ zu erkennen sind. Nachdem ich also nebenbei vor mich hingare, komme ich auch schon an die Reihe und Yaroslav lässt alle Zurückhaltung fallen und macht es, wie es sich bei „real Siberian men“ gehört. Es wurden mir tüchtig Rücken, Arme, Beine und der Arsch versohlt und alles daraufhin mit dem unglaublich heißen Birkenbusch abgerubbelt. Klingt hart und doll, ist es auch, aber die Wirkung, wenn man daraufhin aufsteht und hinausgeht, ist unbeschreiblich. Die nächsten zwanzig Minuten verbrachten wir zu dritt auf der überdachten Terrasse unter Regen mit Blick auf den Ob, mucksmäuschenstill mit einem herrlichen Kräutertee, den Yaroslav frisch für uns vorbereitet hat.

Yarsolav, selbst schweißüberströmt, kann man die plötzlich einkehrende Ruhe buchstäblich ansehen. Er hat uns davon erzählt selbst als Soldat 12 Jahre im Einsatz gewesen zu sein und dabei im Georgien- und Tschetschenienkrieg gekämpft zu haben. Er lässt in seinen Erzählungen jedoch keinen Zweifel daran offen, dass er Krieg für eine der schlimmsten Erfahrung hält, die ein Mensch erleben kann. Hier auf der Terasse merkt man ihm an, dass er mit seinem neuen Zuhause einen Weg gefunden hat, den inneren Frieden mit sich zu schließen und aufleben zu lassen. Was für ein Ausblick, was für eine Naturerscheinung! Einen Augenblick später lädt er uns zu dem bereits angekündigten zweiten Banja-Gang ein. Dieser wird noch ein Stück herzhafter und durchdringt unsere von der weiten Fahrt geschundene Rückenmuskulatur bis ins Letzte. Daraufhin verlässt uns Yaroslav und wir verbleiben im nebenliegenden Waschraum, um uns mit eiskaltem Wasser aus einer Tonne zu überschütten und zu waschen. Von Katerstimmung keine Spur mehr. Yaroslav hat uns tatsächlich auf diese heilsame Art und Weise vor einem grässlichen Katertag bewahrt. Frisch gewaschen und bekleidet setzen Johanna und ich uns noch einmal an diesem wunderbaren Platz auf der Terasse und merken, in was für einem fantastischen Land wir mit einem Mal gelandet sind: vor uns liegt Sibirien!

6 Kommentare bei „Sibirien und der Altai – Teil 1“

  1. Ihr Lieben, durch diese wunderbare, lustige und einfühlsame Beschreibung von Land und Leuten, fühle ich mich so, als wäre ich dabei gewesen. Wunderbar, herrlich, ich freu mich auf den nächsten Beitrag!

  2. Diese Reise wird Ihr ganzes Leben verändern

  3. Hallo Johanna, Hallo Malte,
    Es ist schön, euch so auf eurer Reise begleiten zu können.
    Ich wünsche euch beiden viele tolle Erlebnisse und Fotos Fotos. … macht ihr wie die großen… top!
    Weiterhin eine schöne Zeit und bitte mehr Berichte 😉
    Liebe Grüße Annette Dürotin, Hütten 😉

    1. Moin Annette, stark, dass unsere kleinen Geschichten auch dich erreichen – das freut uns riesig! Liebe Grüße in die Heimat, an alle Dürotins und die ganzen Hüttener! (Wir hörten, ihr bekommt gute Nachbarschaft! 🙂 ) Johanna und Malte

  4. Es macht süchtig eure Berichte zu lesen und ich fühlr mich, als wäre ich dabei gewesen… herrlich !
    Weiterhin gute Reise und gute Fahrt 🙂
    Liebe Grüße

    1. Lisa, danke, das freut uns zu hören! Liebe Grüße in die Heimat, und, wenn wir wieder da sind, „vertelln“ wir dir gern auch alles nochmal in Kurzfassung bei einem ehrlichen Kaffee! Johanna & Malte 🙂

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